Journal Club 18.01.2018

Normale Alterungsprozesse oder EOTRH?

Die Diagnose equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis (EOTRH) wird mithilfe von Röntgenbildern gestellt. Unklar ist, wie hoch die Prävalenzen in Deutschland sind und ob die Erkrankung unterdiagnostiziert ist.

EOTRH ist eine schmerzhafte Erkrankung der Zähne, die vor allem die Inzisivi und Canini meist älterer Pferde befällt. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass auch andere Zähne befallen sein können. Histopathologisch ist die Erkrankung durch resorptive Läsionen sowie massive Ablagerungen von reparativem Zahnzement gekennzeichnet. Das umgebende periodontale Gewebe, die Wurzelhaut (periodontales Ligament) sowie der Alveolarknochen zeigen typische Entzündungszeichen. Betroffene Tiere können Schmerzen, Periodontitis, Gingivitis, gingivale Hyperplasie sowie Fisteln mit subepithelialen Schwellungen in unterschiedlichem Ausmaß haben. Auch lockere oder frakturierte oder fehlende Zähne sind typisch. Die Erkrankung ähnelt der sehr häufigen Zahnerkrankung bei Katzen: FORL (Feline odontoklastische resorptive Läsionen), die laut Studien bis zu drei Viertel der Katzen befällt. Da es für das Pferdin Deutschland bisher keine Zahlen zu EOTRH-Prävalenzen gibt, wurde folgende Studie durchgeführt.

Studiendesign
In die Studie wurden 142 über zehn Jahre alte Pferde aus dem Raum Berlin-Brandenburg einbezogen. Das älteste Pferd war 37 Jahre alt. Im Studienpool wurden neben den Klinikpatienten, die für eine Routine-Zahnuntersuchung vorgestellt wurden, auch Pferde aus dem aktiven Reitschulbetrieb berücksichtigt. Die orale Untersuchung sowie die Anfertigung der Röntgenbilder erfolgte in Sedation, wobei der Fokus der Untersuchung auf den Inzisivi lag. Die 426 so erstellten Röntgenbilder wurden von zwei Veterinären unabhängig voneinander ausgewertet.

Radiologische Ergebnisse
Die festgestellten Prävalenzen waren hoch: 93,7 Prozent der untersuchten Pferde zeigten für EOTRH typische Läsionen an den Schneidezähnen. Bei 80,6 Prozent der Tiere im Alter von über 20 Jahren konnten moderate bis schwerwiegende Röntgenbefunde erhoben werden. Lediglich neun Tiere zeigten keinerlei Auff älligkeiten im Röntgenbild. Grundsätzlich nahm die Schwere der Läsionen mit fortschreitendem Alter zu.

Diskussion
Unklar ist, ob die vorgefundenen milden Läsionen an den Inzisivi bereits Frühstadien von EOTRH repräsentieren oder ob es sich dabei um normale Alterungsprozesse der Zähne handelt. Zu diesen Veränderungen zählen abgestumpfte Wurzelspitzen sowie unregelmäßige Oberflächen der intraalveolar gelegenen Zahnanteile. Grundsätzlich sind die Alterungsprozesse der Schneidezähne und die damit einhergehenden radiologischen Veränderungen noch nicht vollständig untersucht. Aber auch wenn die vorgefundenen milden Veränderungen der Schneidezähne dem Alterungsprozess zugeschoben werden können, bleibt die Prävalenz der in dieser Studie untersuchen Pferde mit starken radiologisch sichtbaren Zahnveränderungen hoch. Sie liegt bei 62 Prozent und ähnelt damit den ermittelten FORL-Prävalenzen bei der Katze. Die Ursachen für das Auftreten von EOTRH bleiben indes ungeklärt. Am häufigsten wird biomechanischer Stress auf die Wurzelhaut bei alternden Inzisivi diskutiert, aber auch weitere Faktoren (Genetik, Fütterung, Hypervitaminose A, Hypokalzämie, Hyperparathyreoidismus) sollten näher untersucht werden. Über eine Rasseprädisposition gibt es bisher noch kein Studienmaterial.

Lisa-Marie Petersen

Originalpublikation:
Rehrl S, Schröder W, Müller C, Staszyk C, Lischer C (2017): Radiological prevlance of equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis. Equine Vet J.
DOI: 10.1111/evj.12776.