bpt | Notdienstumfrage 19.12.2018

Notdienst: Es muss etwas geschehen

Für manche ist er gar kein Problem, für manche ein übergroßes: Der tierärztliche Notdienst. Weniger im Ballungsraum als in ländlichen Regionen zeichnet sich aber ab, dass es große Unzufriedenheit im Berufsstand gibt.

Besonders belastend scheint der Notdienst für angestellte Tierärzte zu sein. Den Umfragen zufolge wären sie viel eher zu Notdiensten bereit, wenn diese ausreichend honoriert und mit Anerkennung ihres Arbeitgebers verbunden wären.

Beim bpt-Kongress 2018 im November wie auch beim DVG-Kongress 2018 hat der bpt unter den praktizierenden Teilnehmern Umfragen zur Notdienstproblematik durchgeführt. Das Ziel war, eine Einschätzung der Praktiker zu erhalten, an welchen Stellen es die größten Probleme mit dem tierärztlichen Notdienst gibt, die Einstellungen bezüglich der individuellen Beteiligung am Notdienst zu erfahren, die wichtigsten Aspekte des Problems einzugrenzen und Lösungsvorschläge aus der Praxis kennenzulernen.

Insgesamt nahmen 566 Tierärzte an den beiden Umfragen teil, wobei Doppelteilnahmen nicht ausgeschlossen werden können – die Umfragen waren anonym. Dort, wo signifikante Unterschiede in den Antworten beim DVG-Kongress sichtbar sind, wird dies im Folgenden hervorgehoben (zumeist in Klammern in der verkürzten Schreibweise „DVG: x %“).

Ein Drittel der Teilnehmer waren selbständig, zwei Drittel angestellt (DVG: 61 % Angestellte). Rund ein Drittel arbeitet in einer Praxis mit ein oder zwei Tierärzten. Ein weiteres Drittel arbeitet in einer Praxis mit drei bis fünf Tierärzten. Die übrigen Teilnehmer arbeiten in größeren Praxen und Kliniken mit mehr als fünf Tierärzten.

42 Prozent der Umfrageteilnehmer beim bpt-Kongress waren Kleintierpraktiker, beim DVG-Kongress dagegen waren dies 71 Prozent. Ein Drittel der Teilnehmer vom bpt-Kongress arbeiten in Gemischtpraxen, beim DVG-Kongress lag dieser Anteil nur im einstelligen Prozentbereich. Knapp zehn Prozent waren in der reinen Nutztierpraxis tätig und knapp 6 Prozent in der Pferdepraxis (beim DVG-Kongress noch deutlich weniger).

Wer hat das größte Problem?
Eine deutliche Mehrheit (62 % bzw. DVG: 53 %) sieht den tierärztlichen Notdienst als gesamtgesellschaftliches Problem. 29 Prozent der Teilnehmer ordnen das Problem mehr den Einzelpraxen zu, 18 Prozent aus der bpt-Kongressumfrage sehen die Kliniken stärker belastet, jedoch: Die DVG-Kongressteilnehmer (mehr Kleintierärzte, mehr Inhaber) sahen zu 33 Prozent das größte Problem bei den Kliniken.

In der Großtierpraxis alles anders?
Die Notdienstproblematik wird stärker der Kleintiermedizin zugeordnet (18 % der Teilnehmer), weniger der Pferde- oder Nutztierpraxis (15 bzw. 14 %). Ein Gemischtpraktiker schreibt dazu: „Großtierpraktiker…, die sowieso jede Nacht für ihre Landwirte erreichbar sind, sollten nicht zusätzlich zu Kleintiernotdiensten gezwungen werden… Wir sind mit den Nutztieren schon gut beschäftigt.“

Angestellte stärker belastet – Das Problem weitergereicht?
Die Teilnehmer hatten bei der Umfrage auch Gelegenheit, eigene Anmerkungen zu machen. Aus diesen geht vielfach hervor, dass sich angestellte Tierärzte als Hauptleidtragende der Notdienstproblematik sehen, da sie für den Notdienst gering oder gar nicht bezahlt würden, er nicht als Arbeitszeit gerechnet würde. Laut Umfrageergebnissen sagten etwas mehr Teilnehmer, das größte Problem hätten angestellte Tierärzte, als es bei den Inhabern gesehen wird (16 % vs. 15 %). Das ist insofern auffällig, als unter den Teilnehmern weitaus mehr Angestellte als Inhaber waren.

Eigene Notdienstbereitschaft
Es wurde auch nach der persönlichen maximalen Bereitschaft zu Notdiensten je Monat gefragt. Durchschnittlich waren die Umfrageteilnehmer zu maximal 1,2 Wochenenddiensten und 4,2 Nachtdiensten (DVG: 4,6 Nächte) bereit. Es zeichnete sich ab, dass diese Bereitschaft bei den Inhabern etwas geringer ist als bei den Angestellten. Die Bandbreite der Einsatzbereitschaft ist hier insgesamt sehr groß, sie reicht von null bis 5 Wochenenden und null bis 30 Nächten.

Bewertung von Lösungsansätzen
Der favorisierte Lösungsansatz beider Umfragen ist die Förderung der Errichtung reiner Notdienstkliniken bzw. -praxen unter Einhaltung von Mindeststandards (Schulnote 2 minus). Fast genau so viel Zustimmung fand die Öffnung der GOT nach oben, um den Notdienst rentabel anbieten zu können, und der Vorschlag „Jede Praxis muss zum Notdienst verpflichtet sein und sich ggf. um Vertreter kümmern“ – letzterer wurde allerdings beim DVG-Kongress weniger akzeptiert (Schulnote 3 plus). Die geringste Zustimmung insgesamt fand der Vorschlag, auch Angestellte müssten zu Nacht- und Notdiensten verpflichtet sein (Schulnote 3 minus, DVG: 4 plus). Wie aus den Anmerkungen eines Teilnehmers zu erfahren ist, hat die LTK Sachsen ihre Berufsordnung im Mai 2018 schon dahingehend geändert.

„Irgendwann ist Notdienst rentabel“
Viele Teilnehmer verwiesen darauf, dass die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Tierhalter ein andauerndes Problem darstelle. Doch die Marktgesetze müssten hier greifen: „Irgendwann ist Notdienst rentabel“, kommentierte das ein Teilnehmer. Diese Sichtweise passt gut zu der von der Mehrheit bevorzugten Lösung der Errichtung reiner Notdienstkliniken.

Aufklärung der Patientenbesitzer: Infobroschüre fehlt
Über die Kosten tierärztlicher Notfalleinsätze, aber auch über die Kriterien, was überhaupt ein Notfall ist, müssten Tierbesitzer besser aufgeklärt werden – dies forderten mehrere Teilnehmer. „Eingebildete Notfälle“ nannte es einer, andere nennen es „Missbrauch“ des Notdienstes – Tierbesitzer müssten „erzogen“ werden. Ein Teilnehmer regte die Bereitstellung einer Infobroschüre an.

Frustration über Eltern und Notdienstverweigerer
Vereinzelt empfinden es Kollegen als ungerecht, wenn Tierärztinnen wegen ihrer Kinder nicht am Notdienst teilnehmen. Manche sind der Auffassung, schon die Berufswahl Tierarzt bedeute, dass man zum Notdienst bereit sein müsse. So gibt es Reibungspotential innerhalb der Kollegenschaft einer Praxis. Aber auch jede Praxis, die sich dem Notdienst entzieht, belastet damit die umliegenden Praxen – ohne Absprache führt das zum Unwillen der verbliebenen Notdienstanbieter. Frauen im Notdiensteinsatz können um ihre persönliche Sicherheit fürchten, wenn sie nachts alleine rausfahren sollen. Immerhin sind Polizisten und Rettungssanitäter bei ihren Einsätzen stets mindestens zu zweit.

Kleine Praxen im Nachteil
Inhaber kleiner Praxen sehen sich im Nachteil, wenn Notdienste auf Praxen verteilt werden, aber die Tierarztanzahl nicht berücksichtigt wird. Und „wo soll der stationäre Patient hin?“ fragt ein Teilnehmer. Kleine Haustierpraxen seien mit schweren Notfällen überfordert – man dürfe sie daher nicht zum Notdienst zwingen. „Echte Notfälle gehören in eine Klinik“, schrieb ein Teilnehmer.

„Besitzeransprüche steigen, Klageschwelle sinkt“
Wiederholt forderten Umfrageteilnehmer, dass ein Notdienst nur tierartspezifisch angeboten werden solle. Die fortschreitende Spezialisierung in der Tiermedizin bedinge dies, ebenso wie die stetig wachsenden Ansprüche von Tierbesitzern.

Die zentrale Notrufnummer
Außerdem erleben es Praxen, die Notdienst anbieten, dass Tierhalter unmittelbar zur Tierklinik fahren, so dass der Notdienst für erstere unwirtschaftlich wird. Das Beispiel Humanmedizin wird hier angeführt: Durch eine Notrufnummer kann auch ein Vorsortieren je nach Dringlichkeit erfolgen. „…was ja wirklich nervt, sind Notfälle, die einfach keine sind.“ Ein „Filterungssystem“ für wirkliche Notfälle wünschen sich viele.

Tierkrankenversicherung fördern
Die extreme Kostensensibilität vieler Tierhalter ließe sich durch flächendeckende Tierkrankenversicherungen lindern. Dies wäre auch abseits der Notdienstproblematik vorteilhaft, denn in Deutschland sind krankenversicherte Tiere noch die Ausnahme, anders als in europäischen Nachbarländern.

Dumping auch im Notdienst?
Ein Teilnehmer forderte, die Praxen müssten verpflichtet werden, im Notdienst kostendeckende Gebühren zu verlangen. Vor dem Hintergrund der erheblichen zusätzlichen Personalkosten für Bereitschaftsdienste zeigt dies den großen Bedarf betriebswirtschaftlicher Wissensvermittlung im Berufsstand auf.
Wiederholt forderten Teilnehmer eine feste Notdienstgebühr, die für jede Art der Konsultation erhoben werden müsste.

Ein Motivationsproblem?
Allein gelassene „Anfangsassistenten“ und unbezahlte Notdienste, die nur die Angestellten, aber nicht die Inhaber versehen müssen – davon berichteten Umfrageteilnehmer, und das führt zu Motivationsproblemen. Das Interesse am Notdienst steigt mit den Einkünften. Mehrfach schrieben Teilnehmer, bei angemessener Vergütung für angestellte Tierärzte stiege auch die Bereitschaft zur Rund-um-die-Uhr-Versorgung.

„Es entsteht mehr Motivation, wenn auch die Chefs Notdienst machen“, schreibt ein in der Schweiz praktizierender Kollege. In seiner Praxis würden dem Kunden im Notdienst zusätzlich zur Anfahrt 100 Schweizer Franken (ca. 88 Euro) berechnet, die dem behandelnden Tierarzt zugute käme, also auch dem Angestellten.

Minusgeschäft: Problem Arbeitszeitgesetz?
Die Einen klagen, das Arbeitszeitgesetz solle endlich eingehalten werden in der Branche: Notdienst sei Teil der wöchentlichen Arbeitszeit, was Arbeitgeber gerne vergäßen. Andere monieren, das Gesetz sei das Problem. Der Notdienst ist aufgrund der Personalkosten für viele Inhaber ein Minusgeschäft, wenn die gesetzlichen Arbeitszeiten eingehalten werden. In der Dezember-Ausgabe 2018 von bpt-info hat bpt-Praxisberater Hans-Peter Ripper nochmals detailliert veranschaulicht, wie eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft leicht zu Zusatzkosten von 60.000 Euro je Monat führen kann.

Spagat zwischen Rentabilität und Erreichbarkeit
Um eine rentable Auslastung der Notdienstbereitschaft zu erhalten, muss man den Tierbesitzern weite Anfahrten zumuten, denn nur wenn das Einzugsgebiet einer Praxis genügend groß ist, wird der Notdienst finanzierbar.
Als noch zumutbare Anfahrtszeit zur Notdienstpraxis geben die Teilnehmer für einen Kleintierbesitzer durchschnittlich 39 Minuten an, für Pferde- und Nutztierbesitzer war der Durchschnittswert ca. 45 Minuten.

Also was tun?
Die Sichtweisen auf die Problemlage tierärztlicher Notdienst unterscheiden sich erheblich, je nachdem, wo eine Praxis angesiedelt ist, ob man Inhaber oder Angestellte befragt. Manche Umfrageteilnehmer antworten ähnlich wie: „Bei uns ist Wochenend- und Nachtnotdienst gut geregelt.“ Die Sichtweise auf Problemlösungsstrategien dürfte im Berufsstand so bunt sein wie die Sicht auf die vermeintlichen Ursachen der Probleme. Die Idealisten wollen „immer für die Patienten da sein“, koste es, was es wolle. Die Pragmatiker sagen: „Nicht die Generation Y ist das Problem, sondern der geringe Verdienst und der fehlende Ausgleich!“ Und vielleicht stimmt auch heute schon, was ein Teilnehmer äußerte: „Mir scheint es, als seien die Tiere besser versorgt als die Menschen!“

Wer soll das Problem lösen?
Aus Sicht der Teilnehmer sind zuallererst die Tierärztekammern in der Pflicht, das Problem zu lösen (57 %, DVG: 62 %). 45 Prozent der Befragten denken, die Praxen müssen das Problem selbst in den Griff bekommen. Und 42 Prozent sehen auch den Staat als Gesetzgeber in der Verantwortung.