Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 27.05.2020

On facing different kinds of animal patients – reflecting veterinary ethical responsibility

Über verschiedene Arten von tierlichen Patientinnen und Patienten – Reflexionen über tierärztliche Verantwortung

Summary
Veterinarians are confronted with very different expectations regarding the treatment of animals which might cause moral distress since veterinarians could experience such differences as moral inconsistencies. The discourse of animal and veterinary ethics runs the risk of even exacerbating this problem, because the perspective is often mainly animal-centred tending to neglect the social embedding of veterinary practice. Bernard Rollin, a pioneer of veterinary ethics, contends that veterinarians should take on leadership in effecting ethical change. However, though veterinarians can certainly contribute to improving conditions for animals, their moral distress could be increased if they are not mindful of the social conditionality of their responsibility.
An awareness of the scope of responsibility can contribute to mitigating moral distress. (1) Being a patient presupposes that an animal is recognisable as a patient at all. This “recognisability” is not only dependent on the animal itself, wild animals or vermin usually do not become patients. (2) Animals recognised as patients are framed differently as patients. Relationalism as an ethical theory can explain that different relations to animals form different kinds of patients and determine the scope of veterinary responsibilities. While in companion animals the emphasis predominantly lies on welfare, in livestock animals productivity is crucial, too. (3) Veterinary practice is certainly not fully determined, there is always a certain range of possible and sometimes antagonistic treatments within a particular field of human-animal relations. (4) These differences are a crucial resource for possible ethical change as they can serve as clues for clients to rethink the necessities and the rightfulness of their treatment of animals. Thus, veterinarians should be aware of their socially conditioned, yet important responsibility for ethical change.

Keywords
moral distress, veterinary responsibility, moral individualism, relationalism, recognition

Zusammenfassung
Tierärztinnen und Tierärzte sind mit sehr unterschiedlichen Erwartungen hinsichtlich der Behandlung von Tieren konfrontiert. Dies kann zu moral distress führen, weil sie diese Unterschiede als moralische Inkonsistenzen erleben können. Der gegenwärtige Diskurs der Tier- bzw. veterinärmedizinischen Ethik könnte dieses Problem sogar noch verschärfen, weil die Perspektive oftmals eine vorwiegend tierzentrierte ist, die dazu tendiert, die soziale Einbettung der tierärztlichen Praxis außer Acht zu lassen. Der Pionier der veterinärmedizinischen Ethik Bernard Rollin behauptet, dass Tierärztinnen und Tierärzte eine führende Rolle im Hinblick auf ethische Veränderungen übernehmen sollten. Doch obwohl sie selbstverständlich zu einer Verbesserung der Bedingungen für Tiere beitragen, könnte sich ihr moral distress noch erhöhen, wenn sie sich der sozialen Bedingtheit ihrer Verantwortung nicht bewusst sind.
Ein Bewusstsein des Rahmens der Verantwortung kann zur Reduktion von moral distress beitragen. (1) Patient oder Patientin zu sein, setzt voraus, als solche überhaupt anerkennbar zu sein. Diese ‚Anerkennbarkeit‘ hängt nicht nur am Tier ‚an sich‘, Wildtiere oder Schädlinge werden normalerweise nicht zu Patient oder Patientin. (2) Als Patient oder Patientin anerkannte Tiere werden unterschiedlich als solche gerahmt. Relationalismus als ethische Theorie kann erklären, dass unterschiedliche Beziehungen zu Tieren unterschiedliche Arten von Patientinnen bzw. Patienten bilden und den Rahmen für tierärztliche Verantwortung bestimmen. Während bei Haustieren zumeist das Wohlergehen im Mittelpunkt steht, ist bei Nutztieren Produktivität auch wesentlich. (3) Tierärztliche Praxis ist selbstverständlich nicht völlig determiniert, es gibt immer eine gewisse Bandbreite an möglichen, einander manchmal widerstreitender Behandlung von Tieren innerhalb eines bestimmten Feldes von Mensch-Tier-Beziehungen. (4) Diese Unterschiede bilden eine wesentlich Ressource für etwaigen ethischen Wandel, zumal sie als Anhaltspunkte für Klienten und Klientinnen dienen können, die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit ihres Umgangs mit Tieren zu überdenken. Tierärztinnen und Tierärzte sollten sich also der sozial bedingten, aber wichtigen Verantwortung für ethischen Wandel bewusst werden.

Schlüsselwörter
moralischer Stress, tierärztliche Verantwortung, moralischer Individualismus, Relationalismus, Anerkennung

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