Journal Club 10.06.2018

Pest ist nicht gleich Pest

Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts stellen die Unterschiede zwischen Klassischer und Afrikanischer Schweinepest heraus und plädieren für ein der epidemiologischen Situation angepasstes Seuchenmanagement.

Es wird viel diskutiert und polemisiert ob der korrekten Vorgehensweisen gegenüber der wiederkehrenden Afrikanischen Schweinepest (ASP). Ein Übersichtsartikel vergleicht die Krankheit mit der Klassischen Schweinepest (KSP). Die Autoren erläutern darin Fakten zu Geschichte, Virologie und Epidemiologie und leiten daraus sinnvolle Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle sowie zu noch notwendiger Forschung für die ASP ab.

Grundlegendes
An beiden Seuchen erkranken ausschließlich Schweine. Durch Viren ausgelöst, zeichnen sie sich durch hohe ökonomische Verluste in von ihnen betroffenen Regionen mit bedeutender Schweinefleischindustrie aus. Die KSP wütete in Mitteleuropa bei Hausschweinen zuletzt in den 1990er-Jahren. Zur gleichen Zeit konnte ein Ausbruch der ASP auf dem Kontinent bis auf wenige Orte komplett gestoppt werden.
Die meisten aktuell betroffenen zentral- und osteuropäischen Staaten hatten bisher insbesondere mit der KSP Erfahrung. Daher übertrugen die Behörden die Bekämpfungsstrategie einfach auf das aktuelle ASP-Geschehen.

Wesentliche Unterschiede
Jedoch: Die ASP breitete sich weder so schnell aus wie vorhergesagt noch limitierte sich ihr Ausbruch selbst. Wesentliche Unterschiede zwischen beiden Seuchen scheinen ursächlich hierfür zu sein:
Bereits die auslösenden Viren sind grundlegend andere: ein DNA-Virus bei der ASP, ein RNA-Virus bei der KSP. Interessant ist, dass das ASP-Virus das derzeit einzig bekannte DNA-Arbo-Virus (= von Arthropoden stammend) ist. In afrikanischen Ländern wird es von der Lederzecke übertragen, die es in Mitteleuropa nicht gibt. Einheimische Arthropoden scheinen das Virus hingegen nicht übertragen zu können. Aktuell ist der wesentliche Eintragungsweg der ASP in Schweinebestände ebenfalls indirekt, aber menschgemacht, und zwar über kontaminierte Fleischprodukte oder Futtermittel. Für die Ausbreitung der KSP hingegen ist die direkte Übertragung über Kontakt zwischen den Schweinen wesentlich.
Als Virenreservoir gelten für beide Viren Wildschweine. Die Tenazität in Tierkadavern scheint beim ASP-Virus höher zu sein. Gegen die KSP gibt es sichere, effektive Impfstoffe inklusive eines oralen für Wildschweine. Eine Vakzine gegen die ASP fehlt derzeit.

Anzupassende Strategie
Eine solche zu entwickeln sowie die Tenazität in und um Wildschweinkadaver weiter zu erforschen, sind laut FLI-Experten die derzeit größten Herausforderungen. Bisherige Fälle zeigen, dass die Seuche meist über kontaminierte Fleischwaren und Futtermittel in Hausschweinebetriebe eingetragen wurde.
Strikte Hygienemaßnahmen für von der ASP betroffene Ställe sowie die intensive Information der Bevölkerung sind vordergründige Maßnahmen, um ein dramatisches Geschehen vielversprechend vermeiden zu helfen. Zielgruppenorientierte Infomaterialien gibt es von offiziellen Stellen in der Schweiz und Deutschland, wie ein Plakat in mehreren Sprachen für Wanderarbeiter aus Osteuropa (svg.to/asp-plakat) oder eine Jagdreisebroschüre auf Deutsch unter dem Link: www.bmel.de/asp.

Karin E. Lason

Originalpublikation:
Schulz K, Staubach C, Blome S (2017): African and classical swine fever: similarities, differences and epidemiological consequences. Vet Res 48: 84.
DOI 10.1186/s13567-017-0490-x.

Drei Fragen zur ASP an Studienleiterin Katja Schulz

Welche Maßnahmen waren für den Einhalt der Afrikanischen Schweinepest Ende der 1990er-Jahre auf der Iberischen Halbinsel ausschlaggebend?
» Schulz: Insgesamt dauerte die Bekämpfung mehr als dreißig Jahre. Vor dem damaligen ASP-Geschehen war es im südlichen Europa relativ üblich, Schweine im Freien zu halten. Dadurch konnten diese mit infizierten verwilderten Hausschweinen oder mit Wildschweinen in Kontakt gelangen oder wurden durch Ornithodoros-Zecken infiziert, die auf der Iberischen Halbinsel vorkommen (nicht aber in Deutschland). Darüber hinaus gab es kein zuverlässiges System, in dem Schweinehaltungen und Schweinetransporte erfasst waren. Dementsprechend bestanden die Bekämpfungsmaßnahmen hauptsächlich darin, die Biosicherheitsmaßnahmen der Schweinebestände zu intensivieren und die tierärztliche Überwachung von Schweinehaltungen und Schweinetransporten zu verschärfen. Zuchttiere wurden regelmäßigen Untersuchungen unterzogen und infizierte Tiere, auch solche, die (nur) serologisch positiv waren, getötet. Obwohl die Ausbreitung des Virus innerhalb von Wildschweinepopulationen nie das heutige Ausmaß erreichte, war die Bekämpfung des ASP-Virus bei Wildschweinen auch damals schwierig. Aus diesem Grund lag der Schwerpunkt der ASP-Bekämpfung auf der Tötung infizierter Bestände und der Erhöhung der Biosicherheit in den Schweinebetrieben.

Eine Impfung gegen die ASP ist zeitnah nicht in Sicht. Welche ist die derzeit vielversprechendste Maßnahme zur Eindämmung der Seuche ?
» Schulz: Bei den Maßnahmen muss zwischen der Haus- und Wildschweinepopulation unterschieden werden. Während die rechtlich vorgeschriebenen Bekämpfungsmaßnahmen ür den Hausschweinesektor mit hoher Sicherheit zu einem Eindämmen der Seuche führen, ist eine erfolgreiche Bekämpfung in der Wildschweinpopulation komplex und vermutlich nicht so einfach von Erfolg gekrönt. Die momentan andauernde Epidemie der ASP in Ost-Europa betrifft jedoch überwiegend Wildschweine. Dennoch gibt es in den meisten betroffenen Ländern auch immer wieder Ausbrüche in Hausschweinebetrieben – meist in Kleinhaltungen. Wie bereits beschrieben, sind daher zuverlässige Biosicherheitsmaßnahmen von großer Bedeutung, um das Risiko des Auftretens der Seuche in kommerziell betriebenen Schweinebetrieben zu verringern. Bei den meisten Ausbrüchen in Hausschweinebeständen wird ein Zusammenhang mit infizierten Wildschweinen in der näheren Umgebung des Ausbruchsbestandes vermutet. Neuste Studien scheinen den Verdacht zu bestätigen, dass eine Ausrottung der Krankheit in infizierten Wildschweinpopulationen derzeit nahezu unmöglich ist. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer frühen Erkennung der Seuche. Wenn die ASP in einem Wildschweinbestand früh entdeckt wird, ist die Chance einer Eindämmung (siehe Tschechien) und möglicherweise Tilgung gegeben. Durch die sehr hohe Letalität der ASP ist die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, einen ASP-positiven Laborbefund in einer Probe eines tot gefunden Tiers zu erhalten als in einer Probe, die von einem gesund erlegten Wildschwein stammt. Demzufolge ist es bei der Überwachung von enormer Bedeutung, möglichst viele verendete Wildschweine aufzuspüren, zu beproben und auf ASP zu untersuchen. Auch eine deutliche Reduktion der Wildschweinepopulation könnte helfen, die Seuche im Falle eines Ausbruchs einzudämmen oder zumindest den Verlauf zu verlangsamen.

Wie genau funktioniert die internationale Zusammenarbeit mit von der ASP (potenziell) betroffenen Ländern?
» Schulz: Das FLI arbeitet mit Partnerinstitutionen in von der ASP betroffenen Ländern eng zusammen. Die Zusammenarbeit findet in verschiedenen Bereichen statt. So werden gemeinsam diagnostische Methoden verbessert oder neue Tests erprobt, Personal geschult, Laboruntersuchungen und tierexperimentelle Arbeiten für- und miteinander durchgeführt, Daten gemeinsam ausgewertet und Feldstudien durchgeführt. Die betroffenen Länder profitieren dabei z. B. von der Expertise, die am FLI vorhanden ist. Das FLI kann durch die Kooperation mit realen Ausbruchsdaten arbeiten, Ergebnisse auf Deutschland anwenden und Empfehlungen für Überwachungs- oder Bekämpfungsmaßnahmen dementsprechend anpassen. FLI-Mitarbeiter reisen auch in die betroffenen Länder, um dort bei epidemiologischen Ausbruchsuntersuchungen behilflich zu sein. Die Forschung auf dem Gebiet der ASP wird durch verschiedene internationale Projekte unterstützt und vorangetrieben (z. B. Global African Swine Fever Research Alliance [GARA], ASF-STOP).

Aktuelle Informationen des FLI zur ASP: svg.to/asp

KATJA SCHULZ promovierte – nach einem One Health-Masterstudium in Edinburgh – am Institut für Epidemiologie des FLI zur Klassischen Schweinepest. Als dort angestellte PostDoc bearbeitet die Veterinärmedizinerin seit 2016 Ausbrüche von ASP beim Haus-und Wildschwein in Estland und Lettland.