Journal Club 16.10.2019

Prävention von Schulterulzera bei Zuchtsauen

Läsionen über dem Tuber spina scapulae sind bei Sauen häufig und können das Tierwohl massiv beeinträchtigen: Insbesondere tiefe Ulzera sind sehr schmerzhaft. Durch eine klinische Risikoeinschätzung sowie Gummimatten im Abferkelstall lässt sich effektiv vorbeugen.

Beim Abferkeln entstehen bei Sauen häufig Schulterulzera, weil die Tiere unter der Geburt und in den ersten Tagen der Laktation viel Zeit in Seitenlage verbringen. Läsionen, die sich in der Tiefe bis in die Unterhaut ziehen oder sogar den Knochen mitbetreffen, sind ein ernsthaftes Tierschutzproblem.

Gefährdete Sauen erkennen
Zahlreiche Risikofaktoren für die Druckgeschwüre über dem Schulterblatt sind bekannt. Insbesondere lahm gehende Sauen entwickeln deutlich häufiger ein Schulterulkus, weil sie öfter und länger liegen. Daneben erhöht ein niedriger Body Condition Score das Risiko, weil mit einem schlechten Ernährungszustand ein geringeres Fettpolster über dem Schulterblatt einhergeht. Sauen mit Narbengewebe in der Haut über dem Tuber spinae scapulae sind besonders gefährdet, weil Tiere, die bereits früher ein Schulterulkus hatten, dazu neigen, erneut zu erkranken. Schließlich spielt auch die Haltung eine Rolle, zum Beispiel die Beschaffenheit des Stallbodens.

Das Risiko effektiv senken
Daniel Meyer hat im Rahmen seiner Doktorarbeit mit Elisabeth große Beilage von der Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Bakum) untersucht, wie Schulterulzera vorgebeugt werden kann. Die Wissenschaftler haben 659 Sauen vor dem Umstallen in den Abferkelstall klinisch auf die Risikofaktoren Lahmheit, BCS und Narbengewebe untersucht und in zwei Gruppen eingeteilt: 194 Risiko-Sauen und 465 Sauen ohne Risiko. Sauen ohne Risiko wurden in Standard-Abferkelbuchten eingestallt, ebenso 101 der Risikotiere. Die 93 übrigen Sauen mit erhöhtem Risiko für Schulterulzera bekamen Abferkelbuchten, in denen im vorderen Bereich des Kastenstandes 2 cm dicke Gummimatten (PORCA fi x, Gummiwerk KRAIBURG Elastik GmbH & Co. KG, D) auf dem Boden befestigt waren.

Innerhalb von 18 Tagen post natum wurden alle Sauen fünfmal untersucht. Während 23 Prozent der Sauen ohne Risiko Schulterulzera entwickelten, waren es bei den Risikotieren ohne Gummimatte sogar 62,4 Prozent. Die zuvor als gefährdet selektierten Tiere hatten somit ein 5,55-mal höheres Risiko, ein Schulterulkus zu entwickeln. Durch die präventive Ausstattung der Abferkelbucht mit einer weichen Gummimatte konnte erreicht werden, dass die Gefahr der Risikosauen, an einem Schulterulkus zu erkranken, gegenüber den Risikosauen, denen keine Gummimatte zur Verfügung stand, nur noch bei 0,54 lag.

Schulterulzera therapieren
Die Autoren plädieren für ein genaues Monitoring von Sauen kurz nach dem Abferkeln, damit die Tiere schon bei frühen Anzeichen wie einer leichten Rötung oder Schwellung über dem Schulterblatt therapiert werden können. Empfohlen wird eine sofortige Dekompression durch eine Gummimatte auf dem Boden. Hautläsionen sollten mit 25-prozentiger Zinksalbe lokal behandelt werden. Bei Ulzera, die sich bis in die Dermis oder gar den Knochen erstrecken, ist eine Schmerzmedikation unbedingt indiziert. In manchen Fällen kann ein frühes Absetzen der Ferkel eine Verschlimmerung der Läsionen verhindern. Bei Ulzera, die Unterhaut oder Knochen miteinbeziehen, sollte zudem über eine Euthanasie nachgedacht werden. Chronische Ulzerationen können ggf. von einer lokalen Antibiose profitieren. Bei allen 659 untersuchten Tieren waren Schulterulzera in der Unterhaut selten.
Läsionen, die sich bis auf den Knochen erstreckten, kamen nur bei Risikotieren ohne Gummimatte vor und auch hier nur bei einem Prozent der Tiere. Dies führen die Autoren darauf zurück, dass alle Ulzerationen, die tiefer als die Epidermis reichten, sofort mit Zinksalbe und durch eine Gummimatte am Boden behandelt wurden. Die Wirksamkeit dieser Therapie
wurde bereits in anderen Studien nachgewiesen.

Fazit
Die Daten aus Bakum zeigen, dass Risikotiere zuverlässig mittels einer kurzen klinischen Untersuchung mit Fokus auf Lahmheit, BCS und Narbengewebe selektiert werden können. Die Autoren empfehlen, diese Risikoeinschätzung bei hochtragenden Sauen im Wartestall durchzuführen, kurz vor dem Wechsel in den Abferkelstall. So können die Ergebnisse beim Einstallen berücksichtigt werden: Eine weiche Gummimatte in der Bucht kann bei Sauen mit erhöhtem Risiko das Auftreten von Schulterulzera um mehr als die Hälfte reduzieren.
VIOLA MELCHERS

Originalpublikation:
Meyer D, Vogel C, Kreienbrock L, große Beilage E (2019): How effective are clinical pre-farrowing risk assessment and the use of soft rubber mats in preventing shoulder ulcers in at-risk sows? Porcine Health Manage 5: 16.
DOI 10.1186/s40813-019-0123-z.

Drei Fragen an Autorin Elisabeth große Beilage

Wie häufig sind Schulterulzera bei Zuchtsauen?
» große Beilage: Die Prävalenz ist grundsätzlich stark betriebsabhängig. Aus Deutschland sind mir keine systematisch erhobenen Zahlen bekannt. Eine Untersuchung aus Dänemark zeigt, dass im Durchschnitt aller Schlachtsauen etwa 15 Prozent betroffen sind. In Einzelbeständen können bis zu knapp die Hälfte der Sauen betroffen sein, während andere Betriebe gar keine Probleme haben.

Eignen sich Prävalenz und Schweregrad der Schulterulzera in einem Betrieb als Tierwohl-Indikator?
» große Beilage: Schulterulzera sind sehr gut geeignet als Tierwohl-Indikator, auch weil sie leicht zu erkennen sind. Soweit mir bekannt, sind sie auch vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL) als Indikator zur betrieblichen Eigenkontrolle aufgenommen worden.
Rein oberflächliche, auf die Epidermis und Dermis beschränkte Veränderungen führen noch nicht zu erheblichen Schmerzen, beeinträchtigen aber bereits das Tierwohl. Daher sollten Schulterulzera grundsätzlich vermieden werden. Ein Tierhalter ist gut beraten, auch bei leichten, oberflächlichen Veränderungen frühzeitig zu reagieren.
Bei einem guten Management kennt der Tierhalter die Risikofaktoren und kann entsprechend gegensteuern. Lahme Sauen müssen weitgehend vermieden werden, indem Lahmheitsursachen wie z. B. Verletzungen oder Mängel in der Mineralstoffversorgung abgeklärt werden. An zweiter Stelle spielt der Ernährungszustand eine Rolle. Außerdem muss der Tierhalter wissen, dass Sauen, die bereits einen Schulterulkus hatten, zu erneuten Erkrankungen neigen. Eine Therapie erkrankter Tiere ist notwendig, aber der Schwerpunkt muss auf der Prävention liegen.

Sollten angesichts der teils hohen Prävalenz von Schulterulzera alle Sauen Gummimatten bekommen?
» große Beilage: In einem Bestand, in dem Schulterulzera häufig vorkommen, wäre es zu überlegen, alle Buchten mit Gummimatten auszustatten. In Betrieben, in denen die Ulzera weniger prävalent sind, ist das nicht nötig. Die Gummimatten müssen fest angebracht und sollten zur Reinigung hochgenommen werden. Das ist einfach, bedeutet aber natürlich einen zusätzlichen Arbeitsaufwand. Tiefstreu ist auch keine geeignete Alternative: Es sorgt zwar für hohen Liegekomfort und kann Schulterulzera verhindern, leitet die Wärme aber nicht so gut ab wie planbefestigter Beton-/Spaltenboden.
Es ist durchaus möglich, Gummimatten nachträglich einzubauen, wenn die ersten Anzeichen zu sehen sind – das ist allerdings aufwendig, weil man die Sau aus der Bucht nehmen muss, um die Matten gut zu verankern. Letztlich ist für den Tierhalter Prävention, also z. B. das Verhindern von Lahmheiten, am leichtesten umzusetzen.

Elisabeth große Beilage: Fachärztin für Schweine und Professorin an der Außenstelle für Epidemiologie (Bakum) der Tierärztlichen Hochschule Hannover