Urologie | Heimtier 21.08.2017

Praxisfall: das inkontinente Kaninchen

Diagnose Blasengrieß: Wie bei unkontrolliertem Harnabsatz vorzugehen ist, erklärt Heimtierexpertin Jutta Hein im aktuellen Fall des Monats.

 - deutliche Verschattung der Blase am Tag der Erstvorstellung.
deutliche Verschattung der Blase am Tag der Erstvorstellung.
Foto: Tierarztpraxis Föller.

Der Fall: Kaninchen Kuno (1,5 Jahre, männlich kastriert) wurde wegen eines verklebten Hinterteils und unkontrollierten Urinabsatzes in der hessischen Tierarztpraxis Föller vorgestellt. Tierärztin Anne Maron stellte fest, dass der Harn stark eingetrübt und im Sediment hochgradig Harngrieß vorhanden war. Die Röntgenaufnahmen zeigten eine für Harngrieß typische, verschattete Blase. Die Blase selbst war pflaumengroß und von teigiger Konsistenz. Bei leichtem Druck setzte das Kaninchen sofort Urin ab. Kuno wurde zweimal zwei Tage lang stationär aufgenommen und bekam während dieser Zeit zweimal täglich eine Infusion. Danach wurde er vorne angehoben und die Blase manuell entleert. Zusätzlich erhielt er je einmal täglich Enrofloxacin und Meloxicam oral sowie RodiCare® uro (alfavet Tierarzneimittel GmbH). Im Kontrollröntgen stellte sich die Blase nun kleiner dar und der Urin war adspektorisch wieder klar. Das Kaninchen wurde mit einem Plan für eine kalziumarme Diät, einer Wundsalbe für die angegriffene Haut und oben genannten Medikamenten nach Hause entlassen. Doch nach wie vor setzte Kuno unkontrolliert Urin ab.

Es wird kompliziert: Als die Besitzer das Kaninchen deshalb nach einer Woche wieder vorstellten, lies Maron Blut und Zystozentese-Urin im Labor untersuchen. Das Blutbild zeigte eine leichte Leukozytose (13 G/l) und eine deutliche Pseudolinksverschiebung mit 80 Prozent neutrophilen Granulozyten. In der bakteriellen Urinuntersuchung (BU) wurden alpha-hämolysierende Streptokokken nachgewiesen. Eine Ultraschalluntersuchung zeigte erneut Grieß in der Harnblase. Maron fragte im fachforum kleintiere nach möglichen Ursachen für den andauernden unkontrollierten Urinverlust sowie nach Therapieoptionen.

Differenzialdiagnosen: Für Heimtierexpertin Jutta Hein kam nach den vorliegenden Befunden differenzialdiagnostisch eine bakteriell bedingte Reizblase (Pseudolinksverschiebung, Streptokokken), eine chronische, Sludge-bedingte Blasendilatation (Harngrieß) und eine Sphinkterproblematik infrage. Der E. cuniculi(EC)-Antikörperbefund stand noch aus.

Therapie: Therapeutisch ist es zunächst entscheidend, den Grieß zu entfernen und die bakterielle Entzündung in den Griff zu bekommen. Der erste Schritt sollte daher eine erneute, vollständige Blasenreinigung sein, um die Kristallisationskerne und Entzündungsprodukte zu entfernen. Hein rät dafür zur Hydropulsion, also einer wiederholten, manuellen Blasenentleerung (jede Stunde, bis der Urin klar ist) nach forcierter, subkutaner Infusion (einmal 100–120 ml/kg Voll­elektrolytlösung sowie 2 mg/kg Dimazon + Metamizol 50 mg/kg alle vier Stunden; Voraussetzung: Herz- und Nierenfunktion o. k.), die bis zur Besserung alle vier bis sechs Wochen wiederholt werden sollte.
Antibiose und medikamentöse Behandlung: Eine Antibiose nach Antibiogramm und ein Analgetikum sollten über die Heilung hinaus gegeben werden (meist über mindestens drei Wochen). Im vorliegenden Fall zeigte das Antibiogramm eine verminderte Sensitivität gegenüber Gyrasehemmern und somit dem eingesetzten Enrofloxacin. Der Einsatz von Azithromycin, Doxycyclin und Amoxicillin war allerdings möglich. Amoxicillin eignet sich besonders, wenn wegen geschwollener Schleimhäute zusätzlich Syphilisverdacht besteht, sollte aber als kritisches Antibiotikum beim Kaninchen (. „PLACE“-Regel) nur in Absprache mit dem Besitzer und unter Kontrolle gegeben werden (20 mg/kg einmal tgl. s. c; sofortiges Absetzen bei Durchfall). Meloxicam sollte nach Hein optimalerweise zweimal täglich gegeben werden, um einen gleichmäßigen Wirkspiegel zu erreichen. RodiCare® uro soll die Harnproduktion anregen und kann zusätzlich kurweise für maximal drei Wochen eingesetzt werden. Dann sollte das Tier allerdings mehrmals täglich angehoben und die Blase massiert werden, damit der Grieß mit ausgeschieden wird und nicht am Boden der Harnblase bleibt. Fenbendazol gegen eine mögliche EC-Infektion wurde bereits gegeben (20 mg/kg einmal tgl. über zunächst 21 Tage und dann bei Stress, z. B. Tierarztbesuch). EC kann unter anderem Blasenentleerung und Sphinkterfunktion reduzieren und so die Harngrießansammlung und die Inkontinenz verstärken.
Die weiteren Blasenkontrollen auf Grieß oder Hinweise auf Entzündungsfolgen zunächst 14-tägig, später monatlich, dabei sollte gegebenenfalls eine Hydropulsion durchgeführt werden. Das Gewicht des Kaninchens sollte kontrolliert und bei Bedarf muss zugefüttert werden.

Kaninchen sind keine kleinen Hunde: Bei Hunden und Katzen ist bei überdehnten Blasen eine medikamentöse Therapie bekannt. Der Einsatz von Bethanechol (bei verminderter Blasenwandkontraktion) oder anderen Medikamenten wie Ephedrin oder Phenylpropanolamin (Sphinkterinkompetenz) kann abhängig von der Problematik auch beim Kaninchen versucht werden (Dosierung in Anlehnung an Hund und Katze). Doch Hein berichtet, dass dies bei ihren Patienten bisher keinen Erfolg gebracht habe. Diese Patienten mit grießbedingter, hochgradiger Blasendilatation konnten dann aber trotzdem symptomfrei und mit gutem Allgemeinbefinden teilweise über Jahre leben, indem sie nach Ersttherapie einmal monatlich kontrolliert werden und die Blase mittels Hydropulsion gereinigt wird. In Fällen, wo sich die Blase nicht mehr vollständig entleeren kann, reichte die kalziumarme Diät einfach nicht aus, berichtet Hein.

Tipp für alle Heimtiersinteressierten: Am 5.-6.Mai 2018 findet in Augsburg die 2. DVG-Kleinsäugertagung mit demThema: rund um den Verdauungstrakt beim Kleinsäuger“ statt.