bpt | International Animal Health Event 27.11.2018

Preisverleihung und politische Kontroversen

Traditionell fand im Rahmen des bpt-Kongresses und der EuroTier 2018 in Hannover am Donnerstagabend der International Animal Health Event (IAHE) statt.

Ein Event, der nicht nur Bindeglied zwischen EuroTier und bpt-Kongress ist, sondern auch Treffpunkt und Kontaktbörse für Tierärzte und Landwirte. Mit Stolz wies bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder in seiner Eröffnungsansprache auch gleich auf die Erfolgsgeschichte des seit 2008 teilparallel zur EuroTier stattfindenden bpt-Kongresses hin: Mit 180 Ausstellern und mehr als 2.600 vorangemeldeten Teilnehmern versprach der diesjährige Kongress schon zu diesem Zeitpunkt der größte in der 99-jährigen Verbandsgeschichte zu werden.

Neben vielen Gästen, die der Einladung zum IAHE gefolgt waren, konnte Moder etliche Ehrengäste und Überbringer von Grußworten begrüßen, darunter den Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Dr. Hermann Onko Aeikens, den neu berufenen Leiter der Unterabteilung Tiergesundheit und Tierschutz im BMEL, Dr. Dietrich Rassow, TiHo-Präsident Dr. Dr. h.c. mult. Gerhard Greif, den Präsidenten des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder, DLG-Präsident Hubertus Paetow und den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Messe AG, Dr. Jochen Köckler. Außerdem den Präsidenten des Europäischen Tierärzteverbandes FVE, Dr. Rafael Laquens, und seine beiden Vizepräsidenten, Dr. Jens van Dobbenburgh aus den Niederlanden und Dr. Arne Skjoldager aus Dänemark, sowie die Vertreterin des Welttierärzteverbandes WVA, Maike van den Berg aus den Niederlanden, die Vizepräsidenten der Bundes-tierärztekammer, Dr. Iris Fuchs und Dr. Martin Hartmann, sowie den Präsidenten der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, Prof. Dr. Martin Kramer.

In bewährter Weise nutzten die Gastredner die Gelegenheit, aktuelle politische Themen aufzugreifen und aus ihren Positionen heraus zu bewerten. Wie nicht anders zu erwarten, fand deshalb auch die kontroverse Diskussion um die Verlängerung der betäubungslosen Ferkelkastration Eingang in die Statements, sodass der eigentliche Höhepunkt des Events, die erstmalige Verleihung des „Animal Welfare Awards“ für zwei Innovationen im Bereich Tiergesundheit und Tierwohl, fast ein wenig an den Rand gedrängt wurde.

Moder: „Isofluran-Öffnung überdenken“
bpt-Präsident Moder richtete den Blick zunächst aber auf die neue EU-Tierarzneimittelverordnung, die Ende November aller Voraussicht nach im Agrarministerrat in Brüssel verabschiedet wird. „Acht Jahre intensiver fachlicher Diskussionen und harter verbandspolitischer Arbeit gehen dann zu Ende“, erklärte er.“ Vieles sei aber in der Verordnung für Deutschland nichts Neues, da man sich bereits seit 2011 um die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung mit beachtlichem Erfolg gekümmert habe. Einzig der humanmedizinische Vorbehalt für bestimmt Antibiotika mache ihm Sorgen. „In den nächsten zwei Jahren müssen wir besonders darauf aufpassen, dass Brüssel die guten Ansätze, die seit März dieses Jahres in der neuen TÄHAV verankert sind, nicht durch die Hintertür wieder einkassiert. Anwendungsverbote sind aus unserer Sicht der falsche Ansatz, um Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen“, bekräftige Moder. Fachlich sinnvoll seien einzig und allein ein restriktiver und fachlich begründeter Einsatz von Antibiotika auf Grundlage eines Antibiogramms. „Gerade im Zusammenhang mit der World Antibiotic Awareness Week und dem Europäischen Antibiotikatag im November muss ich auf die Verantwortung unserer Humankollegen in der Frage der Resistenzbekämpfung hinweisen. Für 95 Prozent der Resistenzen ist schließlich die Humanmedizin selbst verantwortlich“, betonte er.

Zwischenzeitlich habe es auch die Ferkelkastration auf die große politische Bühne geschafft. Es brauche sogar den Koalitionsausschuss, um einen politischen Kompromiss zu finden. Selbst innerhalb der Tierärzteschaft gebe es sehr unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema, aber auch Punkte, in denen man sich einig ist, nämlich dass die betäubungslose Kastration ein schnelles Ende haben muss und Betäubungsmittel ausschließlich in Tierärztehand gehören. Deshalb sei er auch nicht glücklich darüber, dass das BMEL mit einer Verordnung für den Einsatz von Isofluran durch den Landwirt vorpreschen will. „Wir Tierärzte wissen, welche Folgen der Isofluran-Einsatz für die Gesundheit des Menschen haben kann, und bitten deshalb das BMEL, das Vorhaben nochmal zu überdenken“, sagte Moder mit Blick auf die anwesenden Vertreter des BMEL. Positiv wertete er dagegen die Einladung von Bundesministerin Klöckner zum Runden Tisch „Ferkelkastration“ am 27. November. Nur durch den Dialog mit allen Beteiligten kann es seiner Meinung nach gelingen, den Tierschutz voranzubringen, die wirtschaftlichen Interessen der Landwirtschaft zu wahren und für Tierärzte die notwendige Rechtssicherheit zu schaffen.

Schröder: „Verstoß gegen Staatsziel Tierschutz“
„Wer den Schmerz der Ferkel um zwei weitere Jahre verlängert, verstößt eklatant gegen das Staatsziel Tierschutz“, machte indes der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder, deutlich. Es stelle sich die Frage, wie Tierschützer Vertrauen in politische Zusagen haben sollen, wenn selbst schon vor fünf Jahren beschlossene Gesetze mal eben so aus rein ökonomischen Interessen verschoben würden. Keine andere Branche könne so oft gesetzliche Beschlüsse ignorieren. Das betreffe nicht nur die Schweinebranche, sondern auch das Geflügel. Und er holte nochmal kräftig aus: „Ich kann nicht verstehen, wie die Mehrheit im Deutschen Bundestag agiert, ich sage sogar und ich weiß sehr wohl, dass das ein harter Vorwurf ist, dass mich das Vorgehen der letzten Wochen so manches Mal an Strukturen von bandenmäßig organisierter Wirtschaftskriminalität erinnert. Das ist der Flurschaden, den die Politik mit sich trägt für alle weiteren Dialogprozesse. Dabei geht es um das Tierwohlkennzeichen, den Kastenstand und die Nutztierstrategie. Hierfür ist jeder Vertrauensvorschuss seitens des Tierschutzes verspielt.“

Aeikens: „Haben uns Entscheidung nicht leicht gemacht“
Staatssekretär Aeikens reagierte umgehend und erläuterte in seiner Ansprache die Gründe für die Entscheidung der Regierungsfraktionen: „Wir haben uns die Güterabwägung nicht leicht gemacht. Aber die Selbstversorgungssituation bei Ferkeln liegt mittlerweile nur noch bei 75 Prozent. Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob es ein Fortschritt für den Tierschutz ist, wenn wir an dem Datum festgehalten hätten mit dem Wissen, wie viele Landwirte dann aus der Produktion ausgestiegen wären, aber nicht wissend, wie Ferkel behandelt werden, die anschließend importiert und in Deutschland gemästet werden?“ Außerdem müsse man auch die kleinen und mittleren Betriebe beachten, gerade die wolle man ja erhalten. Aber die benötigten neben Ebermast und Improvac eine weitere Methode. In den letzten acht Jahren sei es zu einer Halbierung der Zahl der Sauenhalter gekommen. Hätte man die Übergangsfrist nicht verlängert, hätte der rasante Strukturwandel in dieser Branche einen weiteren Schub erfahren. Aeikens stellte klar: “Wir wissen, dass Tiergesundheit und Tierschutz zwei elementare Voraussetzungen für eine nachhaltige, gesellschaftlich akzeptierte und ökonomisch tragfähige Nutztierhaltung sind.“ Die Nutztierstrategie 2017 der Bundesregierung, an deren Umsetzung engagiert gearbeitet werde, gebe vor, wie das zu gestalten sei. „Ziel ist es, ein hohes Gesundheitsniveau und mehr Tierschutz zu realisieren. Und wir machen dabei Fortschritte“, erklärte der Staatssekretär und verwies auf die bereits erzielten Erfolge und in Finalisierung befindlichen Projekte, wie das gerade vorgestellte Verfahren zur endokrinologischen Geschlechtsbestimmung im Ei, den verabschiedeten Aktionsplan für das Beenden des Schwanzkupierens, den Verordnungsentwurf zum Kastenstand und Abferkelbereich, und das dreistufige, staatliche Tierwohlkennzeichen, das ab 2020 die ersten Produkte kennzeichnen soll.

Animal Welfare Award
Aus aktuellem Anlass griff TiHo-Präsident Greif darüber hinaus das Thema Tierschutz für Schlachttiere auf. Er forderte klare Maßnahmen: Nicht transport- und schlachtfähige Tiere dürften nicht auf Schlachthöfen angeliefert werden. Den tierschutzwidrigen Machenschaften müsse sofort Einhalt geboten werden. Er verwies darauf, dass die TiHo gemeinsam mit der BTK und anderen Beteiligten an Konzepten für Nachschulungen arbeite, die schnellstens erfolgen müssten. Auch Videoüberwachung an Schlachthöfen müsse akzeptiert werden, vor allem auch, um sorgfältige Arbeit nachweisen zu können. DLG-Präsident Paetow machte schließlich noch einmal deutlich, dass die Suche nach ökonomisch praktikablen, praxisreifen und gesellschaftlich getragenen Lösungen zeige, wie wichtig die Zusammenarbeit und der Austausch mit Tierärzten sei. Ein wesentliches Mittel, um Produktivität und Tiergerechtheit in Einklang zu bringen, seien Innovationen und digitale Technologien. „Fortschritte beim Tierwohl stellen ein gemeinsames Aufgabenfeld von Landwirten und Tierärzten dar, denn die beiden sind es, die die Themen rund um das Wohlbefinden des Tieres jeden Tag gemeinsam bearbeiten. Um diese Innovationen aufzuzeigen, die die beiden Gruppen dabei verwenden können und die im besonderen Maße den Anforderungen an einen höheren Tierwohlstandard gerecht werden, wird heute erstmalig von bpt und DLG der Animal Welfare Award verliehen“, erläutere er und spannte damit den Bogen zum späten Höhepunkt der Veranstaltung, der Verleihung der Tierschutzmedaille an die beiden Preisträger, die Firma Schippers und die dsp-Agrosoft GmbH, für ihre Systeme zur automatisierten Früherkennung von Erkrankungen des Bewegungsapparates von Milchkühen (Details zu den beiden Preisträgern siehe bpt-info 11/18, S. 8).
Astrid Behr bpt.behr@tieraerzteverband.de