Praxis 10.12.2007

Rasselisten und kein Ende

Auch sieben Jahre nach dem Tod Volkans in Hamburg sind viele Bundesländer noch weit von sinnvollen Regelungen entfernt. Eine Rückschau.

„Our Gang“ war eine bemerkenswerte US- Serie: Nicht nur, dass „die kleinen Strolche“ mit den altklugen Kinderstars in den US-Filmen jener Zeit wenig gemein hatten. Unter Filmhistorikern gilt sie zudem als erste Serie, in der Jungen und Mädchen, Schwarze und Weiße in einer Gruppe gleichberechtigt agierten. Und über Hal Roach, den Produzenten der Serie sagte später einmal einer der Darsteller: „Wenn es um die Rasse ging, war der Mann farbenblind.“ Das galt wohl nicht nur für Menschen. Einer der liebenswertesten „Charaktere“ der Sendung war Pete, ein Hund, um dessen Auge ein schwarzer Ring prangte. Der knuddelige Pete the Pup würde heute wohl nicht mit einer Gruppe Kinder durch die Straßen strolchen. Man würde ihm aus dem Weg gehen, denn als American Pit Bull Terrier gälte er als blutrünstige Kampfmaschine.

Als alles begann
Ein Hund namens Zeus verhalf dem Pit Bull zu traurigem Ruhm in Deutschland: Am 26. Juni 2000 fiel Zeus gemeinsam mit der Staffordshire-Mischlingshündin Gipsy den sechsjährigen Volkan an, einen unschuldigen Grundschüler. Volkan verblutete und wurde von den beiden Hunden so grausig zugerichtet, dass der eigene Vater seinen Sohn nicht einmal erkannte.

Fortan galten sowohl der American Staffordshire Terrier als auch der Pit Bull als Bestien in Hundegestalt. Da half es auch nichts, als das ARD-Magazin „Panorama“ aufzeigen konnte, dass Volkans Tod eine unglaubliche Kette von behördlichen Versäumnissen vorausging: Der Halter Ibrahim Külünc war mehrfach angezeigt worden, wegen Körperverletzung, Drogenhandels und unerlaubten Waffenbesitzes. Schon mit sieben Monaten griff Zeus einen Schäferhund und dessen Besitzerin an und verletzte beide. Den im Jahr 1998 verordneten Leinenzwang beachtete der Halter nicht, warum auch, weder Ordnungsamt noch Polizei überprüften, ob die Anordnung auch umgesetzt wurde. Nachbarn berichteten, wie Külünc den Hund auf Spielplätzen an Schaukeln „scharf“ machte. Im April 2000 biss Zeus – behördlich dokumentiert – dreimal zu, verletzte in kurzer Folge einen Labradormischling, einen Beagle und einen Schäferhund. Jedes Mal Anzeige wegen Sachbeschädigung. Wegen eines Eingabefehlers am Computer war der bestehende Leinenzwang den Beamten angeblich nicht bekannt, die Behörden verordneten wieder einen Maulkorb- und Leinenzwang, aber auch dieser wurde nicht durchgesetzt.

Dass der kleine Junge starb, hatte kaum etwas mit einem Mangel an gesetzlichen Regelungen, sondern mit deren mangelhafter Umsetzung zu tun. Trotzdem beschlossen Bund und Länder neue Verordnungen und Gesetze, die vom Zucht- und Importverbot für bestimmte Hunderassen bis zu Eignungstests für Hundehalter, Wesenstest für Hunde, Maulkorb- und Leinenzwang reichten. Und sogar Sachsen-Anhalt, das einzige Bundesland, das seit Jahren ohne Hundegesetz auskam, will nun nachlegen.

Erfolgreiche Maßnahmen?
Zwar wurde in Berlin bereits verkündet, dass die Zahl der angezeigten Zwischenfälle mit Hunden dort in den vergangenen Jahren um fast die Hälfte verringert hat – von 1816 Menschen, die im Jahr 1999 noch von Hunden gebissen oder aggressiv angesprungen wurden, auf 976 im Jahr 2004. Dies führte Franziska Kuhne vom Institut für Tierschutz und Tierverhalten an der FU Berlin aber darauf zurück, dass nach den Beißvorfällen Hundehalter wachsamer und vorsichtiger geworden sind. Die nach der Tragödie erlassene „Kampfhundeverordnung“ hat hingegen wenig zum Rückgang beigetragen. „Die als gefährlich gelisteten Kampfhunde waren an lediglich 3,4 Prozent aller Zwischenfälle beteiligt“, so Kuhne. Dagegen seien die in Berlin nicht als gefährlich eingestuften Schäferhunde im Jahr 2003 im Verhältnis genauso auffällig gewesen wie Pitbull und American Staffordshire Terrier. Und während von manchen Rassen auf der Liste in Berlin nur 30 bis 40 Tiere leben, gibt es rund 10 000 Schäferhunde.

Schleswig-Holstein weist in seiner Statistik darauf hin, dass die Anzahl der Beißunfälle bei Listenhunden über dem Durchschnitt liegt, beim Schäferhund darunter. Das Bundesland hat für die Rassen American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier und Bullterrier die Gefährlichkeitsfaktoren 28, 17 und 11 ermittelt. Der laut dieser Statistik gefährlichste Hund Schleswig-Holsteins taucht jedoch gar nicht auf der Liste auf, es ist der Jack Russell Terrier (Gefährlichkeitsfaktor 42). Wie die Behörden zugeben, sind die Hochrechungen der Hundepopulationen mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Dies gilt insbesondere für Hunderassen mit geringen Zuchtzahlen, zu denen auch die Listenhunde gehören.

Wissenschaftlich nicht haltbar
Mehr als 1000 Wesenstest analysierte eine Studie, die am Institut für Tierschutz und Verhalten an der TiHo durchgeführt wurde. 96 bis 98 Prozent der untersuchten American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Pitbullterrier, Dobermann oder Rottweiler verhielten sich durchgängig nicht angriffslustig und genauso ausgeglichen wie die Golden Retriever in einem Vergleichstest.

In den von der TiHo mit entwickelten Wesenstests werden die Hunde länger als vier Stunden in schwierige Situationen geführt und bewusst provoziert. Jogger rennen auf sie zu, Betrunkene bedrohen sie, oder die Hunde müssen angebunden warten und Passanten ignorieren. „Der Bullterrier ist einer der freundlichsten Hunde“, stellte Professor Hansjochim Hackbarth, Leiter des Instituts, nach seiner Studie fest. Aggressives Verhalten bei Hunden könne man nicht an der Rasse festmachen. „In unserer Gesellschaft sollte ein kompetenter, fachlich gebildeter, verantwortungsvoller Hundebesitzer gefördert werden, denn dieses ist die wirkungsvollste Maßnahme, um Verhaltensproblemen bei Hunden vorzubeugen“, so Hackbarth. Bleibt zu hoffen, dass das Zerrbild, das von einigen Hunderassen in der Öffentlichkeit besteht, irgendwann zurechtgerückt wird. „Er war ein sanftmütiger, verspielter und warmherziger Hund“, sagte Trainer Harry Lucenay über den Pitbull Pete the Pup. „Ein richtiger Familienhund eben.“



Ganz Deutschland: Hundeverbringungs- und -Einfuhrbeschränkungsgesetz - HundVerbrEinfG: Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier sowie deren Kreuzungen untereinander oder mit anderen Hunden dürfen nicht in das Inland eingeführt oder verbracht werden.

Baden-Württemberg: American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pit Bull Terrier gelten dort als „Kampfhunde“. Die Eigenschaft „Kampfhund“ vermutet man in Baden-Württemberg zudem bei Bullmastiff, Staffordshire Bullterrier, Dogo Argentino, Bordeaux Dogge, Fila Brasileiro, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Mastiff, Tosa Inu, wenn ein Wesenstest nicht das Gegenteil beweist.

Bayern: Als „Kampfhunde“ gelten grundsätzlich Pit-Bull, Bandog, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier, Tosa-Inu. Bei Alano, American Bulldog, Bullmastiff, Bullterrier, Cane Corso, Dogo Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Mastiff, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Perrode Presa Canario (Dogo Canario), Perrode Presa Mallorquin und Rottweiler wird vermutet, dass sie „Kampfhunde“ sind. Auch hier ist das Gegenteil vom Halter zu beweisen.

Berlin: Alano, American Bulldog, Bullmastiff, Bullterrier, Cane Corso, Dogo Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Mastiff, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Perrode Presa Canario (Dogo Canario), Perrode Presa Mallorquin und Rottweiler gelten als gefährliche Hunde.

Brandenburg: Gefährliche Hunde sind dort American Pitbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Staffordshire Bullterrier und Tosa Inu.
Bei Alano, Bullmastiff, Cane Corso, Dobermann, Dogo Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Mastiff, Mastin Español, Mastino Napoletano, Perro de Presa Canario, Perro de Presa Mallorquin und Rottweiler gehen die Behörden von deren Gefährlichkeit aus, wenn der Halter nicht das Gegenteil beweist.

Hamburg: Die Rassen aus dem Hund- VerbrEinfG gelten immer als gefährliche Hunde. Hunde der Rassen Bullmastiff, Dogo Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Kangal, Kaukasischer Owtscharka, Mastiff, Mastin Español, Mastino Napoletano, Rottweiler und entsprechende Mischlinge gelten ebenfalls als gefährlich, wenn der Hund nicht einen Wesenstest bestanden hat.

Hessen: Hier wird die Gefährlichkeit bei folgenden Rassen vermutet: Pitbull-Terrier oder American Pitbull Terrier, American Staffordshire- Terrier oder Staffordshire Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier, American Bulldog, Dogo Argentino, Fila Brasileiro, Kangal (Karabash), Kaukasischer Owtscharka, Mastiff, Mastino Napoletano. Mecklenburg-Vorpommern: Hier vermutet man bei den gleichen Rassen wie in Hessen eine Gefährlichkeit.

Niedersachsen: Die Gefährlichkeit wird unabhängig von der Rassezugehörigkeit definiert.

Nordrhein-Westfalen: Als gefährlich gelten die üblichen Verdächtigen aus dem HundVerbrEinfG.
Für Alano, American Bulldog, Bullmastiff, Mastiff, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Fila Brasileiro, Dogo Argentino, Rottweiler und Tosa Inu gilt eine abgeschwächte Gefährlichkeitsvermutung.

Rheinland Pfalz: Hier gelten die American Staffordshire Terrier und Staffordshire Bullterrier, Hunde des Typs Pit Bull Terrier sowie Hunde, die von einer dieser Rassen oder diesem Typ abstammen, als gefährlich.

Saarland: Für die Ausbildung oder Haltung von American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier sowie American Pit Bull Terrier wird eine Erlaubnis benötigt.

Sachsen: Die Gefährlichkeit wird bei American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Pitbull Terrier vermutet.

Sachsen-Anhalt: Noch keine Hundeverordnung, geplant ist laut MDR-Berichten jedoch, 11 Rassen als gefährliche Hunde einzustufen.

Schleswig Holstein: Hier gelten Pitbull- Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire- Bullterrier, Bullterrier sowie deren Kreuzungen als gefährlich.

Thüringen: Hier ist die Gefährlichkeitsvermutung ähnlich wie in Niedersachsen unabhängig von der Hunderasse.

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