Journal Club 01.12.2009

Schätzung populationsgenetischer Parameter für röntgenologische Befunde der Ellbogengelenkdysplasie beim Labrador Retriever

Osteoarthrotische Veränderungen: Die Ellbogengelenkdysplasie (ED) ist eine der häufigsten Lahmheitsursachen im Bereich der Vordergliedmaßen beim Hund.

Prädisponiert sind besonders schnell wachsende, große, schwere Hunderassen wie der Rottweiler, Neufundländer, Labrador Retriever, Golden Retriever, Berner Sennenhund und Deutscher Schäferhund. Die Ellbogengelenkdysplasie ist eine degenerative und progressive Skeletterkrankung. Diese umfasst osteoarthrotische Veränderungen, eine Inkongruenz der Gelenkflächen sowie die Primärerkrankungen fragmentierter Processus coronoideus medialis ulnae (FCP), isolieter Processus anconaeus (IPA) und Osteochondrose der Tochlea humeri medialis (OCD). Die osteoarthrotischen Veränderungen und Primärerkrankungen können allein oder auch in Kombination auftreten. Im schweren Fällen von Wachstumsstörungen von Ulna und Radius ist röntgenologisch im Ellbogengelenk eine deutliche Stufenbildung erkennbar. Die Inkongruenz des Ellbogengelenks ist bedeutsam für die Entstehung eines IPA, FPC und einer OCD. All diese Erkrankungen können wiederum zu Osteoarthrosen führen. Besonders Retriever-Rassen wie der Golden und Labrador Retriever sind häufig von ED betroffen. Anzeichen einer Ellbogengelenkdysplasie treten zwischen dem 5.–12. Lebensmonat in Erscheinung. Es zeigt sich eine Vorderbeinlahmheit, die intermittierend auftreten kann, Bewegungsschmerz oder auch eine abnormale Gliedmaßenstellung und Steifheit. Die Untersuchung auf Ellbogengelenkdysplasie sollte zwischen dem 13. und 18. Lebensmonat durchgeführt werden. Eine frühere Untersuchung kann gegebenenfalls erforderlich sein, falls der Hund klinische Beschwerden zeigt.

Gelenkdysplasien sind sowohl genetisch wie auch durch die Umwelt beeinflusst, d. h., dass für die Ellbogengelenkdysplasie eine genetische Disposition vorliegt. Es wird von mittleren bis hohen Heritabilitäten bei der Ellbogengelenkdysplasie berichtet. Die meisten Schätzwerte bewegen sich zwischen 0,15 und 0,40. Allerdings spielen auch umweltbedingte Einflüsse eine Rolle, wie z. B. Fütterungs- und Bewegungsintensität. So wird beschrieben, dass das spielen mit Bällen und Stöcken einen sehr hohen Risikofaktor für die Entstehung der ED darstellt. Desweiteren sind Übergewicht und eine hohe Fettaufnahme mit dem Futter ebenfalls Risikofaktoren, die eine ED begünstigen können. Weiterhin wird berichtet, dass eine Überversorgung mit Eiweiß, Calcium und Vitamin D mit Skeletterkrankungen im Zusammenhand stehen kann.

Ziel dieser Studie war die Analyse von nicht-genetischen Faktoren sowie die Schätzung von genetischen Parametern für Ellbogengelenkdysplasie beim Labrador Retriever. Für die Untersuchung standen die ED-Befunde von 2931 Labrador Retrievern aus dem offiziellen Sceening des Labrador Clubs Deutschland zur Verfügung. Die Bewertung der Röntgenaufnahmen erfolgte nach dem Schema der International Elbow Working Group. Die Hunde wurden in den Jahren 2000–2004 geboren und stammten aus 834 Würfen und 315 Zwingern. Das Pedigree umfasste 27305 Tier aus 20 Generationen. Für die ED wurden vier verschiedene Merkmale ausgewertet: ED-Mit als Mittelwert aus den Untersuchungen der beiden Ellbogengelenke, ED-Max als der jeweils höhere ED-Grad der beiden Ellbogengelenke und ED-links und ED rechts für das linke bzw. rechte Ellbogengelenk.

Der Effekt des Geburtsmonats zeigte in dieser Studie eine deutliche Signifikanz für alle vier getesteten Merkmale. Die Tiere, die in den Monaten Februar und März geboren wurden, hatten ein höheres Risiko für ED-Befunde als jene, die im September geboren wurden. Dies könnte an einer gesteigerten Beanspruchung durch Ausbildung und Training liegen, da bei den früh im Jahr geborenen Hunden aufgrund der besseren Witterungsverhältnisse intensiver trainiert werden kann als bei den im Herbst geborenen Tieren. Dem Geschlecht der Hunde kam ebenfalls eine signifikante Bedeutung für das Auftreten der Ellbogengelenkdysplasie zu. In Übereinstimmung mit der Literatur lässt sich bei den Hündinnen eine deutlich niedrigere Prävalenz an ED erkennen als bei Rüden. Außerdem tritt EG-Grad 3 bei Rüden vermehrt auf. Verantwortliche Faktoren dafür könnten das unterschiedliche Körpergewicht zwischen den Geschlechtern sein wie auch hormonelle Einflüsse und geschlechtsspezifische genetische Effekte. In einer früheren Studie wurde vermutet, dass ein höherer Östrogenspiegel bei Hündinnen das Knorpelwachstum verlangsamt und dadurch ein Unterschied in der Geschwindigkeit der Skelettreifung bei den unterschiedlichen Geschlechtern zustande kommt. Diese Ansicht konnte durch Analysen beim Deutschen Schäferhund untermauert werden. Während das Alter zum Zeitpunkt der Röntgenaufnahmen in dieser Studie keinen signifikanten Einfluss auf das Auftreten von ED hatte, kamen andere Autoren zu einem gegensätzlichen Fazit. Der Effekt des Inzuchtkoeffizienten auf die ED-Befunde war dagegen signifikant. Mit höheren Inzuchtkoeffizienten ist ein Anstieg der ED zu verzeichnen, wobei die Kurve leicht konvex mit einem Plateau bei einem Inzuchtkoeffizienten von 5 % verläuft. In dieser Studie lagen die Heritabilitäten für die ED zwischen 0,07 und 0,13. Die höchste Heritabilität wurde für ED-links geschätzt, die niedrigste für ED-rechts. Für ED-Max ergab sich eine Heritabilität von 0,11 und für ED-Mit ein Wert von 0,12. Diese Werte lagen verglichen mit anderen Studien in einem vergleichbaren Bereich.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Ellbogengelenkdysplasie beim Labrador Retriever eine genetisch-bedingte Erkrankung darstellt, die in einer ähnlichen Frequenz wie beim Deutschen Schäferhund, aber in einer geringeren Frequenz als beim Rottweiler und Berner Sennenhund auftritt. Neben den genetischen Effekten spielen auch bestimmte Umwelteffekte eine Rolle. Wichtige Einflüsse sind das Geschlecht, der Geburtsmonat und der Inzuchtkoeffizient, jedoch stellt der genetische Effekt den wichtigsten Einflussfaktor von allen zufälligen Faktoren dar. Ein wichtiger Aspekt für ein Zuchtprogramm ist, dass möglichst viele im Verein registrierte Hunde mit ED-Befunden erfasst werden.

(Quelle: J. Engler et al. (2009): Schätzung populationsgenetischer Parameter für röntgenologische Befunde der Ellbogengelenkdysplasie beim Labrador Retriever, Berl Münch Tierärztl Wochenschr 122, 378–385.)

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