Meldungen 13.07.2016

Schutz vor der Hämorrhagischen Kaninchenkrankheit

Wie müssen Kaninchen geimpft werden, um sie vor der neuen, aggressiven Variante des RHD-Virus zu schützen?

 - 
Foto: lightpoet – Fotolia.com

Die Hämorrhagische Kaninchenkrankheit breitet sich aktuell im ganzen Bundesgebiet aus.  Das Friedrich Löffler Institut (FLI) berichtet von stark gestiegenen Fallzahlen sowie hohen Morbiditäts- und Mortalitätsraten. Schon Ende März hat die Ständige Impfkommission Veterinär (StiKo Vet) am Friedrich Löffler Institut (FLI) ihre Impfempfehlungen für Kaninche n angepasst. Seitdem gab es im fachforum kleintiere eine rege Diskussion und viele Fragen rund um die Impfung, die Dr. Jutta Hein umfassend beantwortet hat. Wir fassen für Sie die wichtigsten Empfehlungen zusammen.

Neue RHD-Variante mit hoher Letalität

Seit 2010 ist eine neue Variante des Calicivirus bekannt, das die Hämorrhagischen Kaninchenkrankheit (Rabbit Haemorrhagic Disease, RHD) verursacht: RHDV-2. Diese neue Variante geht mit schweren Erkrankungen mit Lebernekrose, Gerinnungsstörungen, Blutungen und akuten Todesfällen innerhalb von ein bis drei Tagen einher. Auch bei RHD-geimpften Kaninchen führt sie zu einer Letalität von bis zu 50 Prozent. Übertragen wird das Virus durch direkten Kontakt zu Ausscheidern und Vektoren wie Mücken etc.

In Deutschland wurde RHDV-2 erstmals 2013 nachgewiesen. Schon im Jahr 2015 wurden am FLI 139 Fälle mit RHDV-2 und nur 19 klassische RHDV-Fälle diagnostiziert. Die StiKo Vet weist in ihrer Stellungnahme aber darauf hin, dass viele Todesfälle nicht untersucht werden und davon auszugehen ist, dass die Fallzahlen wesentlich höher sind und auch ein ausreichender Schutz gegen das klassische RHDV weiterhin nötig ist.

Impfung gegen das klassiche RHDV und RHDV-2

Bei den in Deutschland zugelassenen Kaninchenimpfstoffen handelt es sich bisher ausschließlich um Impfstoffe gegen das klassische RHDV. Laut Stellungnahme der StiKo Vet können die konventionellen, inaktivierten Monoimpfstoffe (Cunivak RHD, RIKA-VACC® RHD) nach mindestens zweimaliger Immunisierung im Abstand von drei Wochen über eine Kreuzreaktion in vielen Fällen schwere klinische Verläufe verhindern. Sie bieten jedoch keine Schutz vor Infektion und möglicher Virusausscheidung. Es gibt Hinweise darauf, dass der innovative Vektorimpfstoff nicht  gegen RHDV-2 schützt.

Impfstoffe speziell gegen RHDV-2 sind bisher nur in Frankreich und den Niederlanden verfügbar. Ob sie auch ausreichend gegen das klassische RHDV wirken, ist unbekannt. In Frankreich ist außerdem ein Impfstoff mit klassischer RHDV- und RHDV-2-Komponente auf dem Markt.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat am 15. Juli 2016 eine positive Stellungnahme zum Antrag auf Marktzulassung des RHDV-2-Impfstoffes ERAVAC (Laboratorios HIPRA, S.A). abgegeben. Es ist damit zu rechnen, dass die Europäische Kommission die Einschätzung der EMA übernehmen wird. Der Impfstoff wird dann europaweit zur Vermarktung genehmigt sein. Es ist allerdings noch nicht bekannt, ab wann erste Impfstoffdosen von ERAVAC mit Zulassung in Deutschland verfügbar sein werden.

Damit gibt es zurzeit verschiedene Optionen, um Kaninchen vor RHD zu schützen. Welcher Impfstoff gewählt wird, hängt vor allem vom lokalen und individuellen Infektionsdruck ab. Das FLI geht davon aus, dass sich das Virus im gesamten Bundesgebiet ausbreitet. Gebiete mit großer Wildkaninchenpopulation sind dabei besonders gefährdet. Bei der Einschätzung der lokalen Situation helfen Landkarten des FLI und der IDT Biologika Tiergesundheit. Sie geben eine Übersicht zu aktuell in Deutschland nachgewiesenen RHD-Fällen.

Dr. Jutta Hein rät zu einer offenen Beratung der Besitzer, bei denen letztlich die Entscheidung liegt, welche Impfstoffe verwendet werden sollen. Laut StIKo-Empfehlung sollten Kaninchen zum frühestmöglichen Zeitpunkt – ab der 4. Lebenswoche – geimpft werden. Geimpft werden sollten grundsätzlich nur klinisch gesunde Tiere.

Möglichkeit 1: Monovalente Vollerregerimpfstoffe

Zweimal im Abstand von drei Wochen mit einem monovalenten RHD-Impfstoff immunisieren. Als gelistete Vollerregerimpfstoffe mit Zusatzempfehlung für RHDV-2 gelten zurzeit Cunivac RHD (IDT Biologika GmbH) und RIKA-VACC® RHD (Ecuphar NV), nicht die Kombiimpfstoffe. Auch bei der Umstellung von einem Impfstoff auf einen anderen sollte zur Grundimmunisierung zweimal geimpft werden.Ein Myxomatose-Impfstoff kann bei einem gesunden Tier zum selben Zeitpunkt, aber ortsgetrennt appliziert werden. Auffrischungsimpfungen gegen RHD und Myxomatose (mit separaten Impfstoffen) stehen alle sechs Monate an.

  • Guter Schutz gegen RHDV und Myxomatose, fraglicher Schutz gegen schwere Erkrankung (nicht Infektion und ggf. Ausscheidung) durch Kreuzreaktion gegen RHDV-2.

Möglichkeit 2: Monovalente Vollerregerimpfstoffe + Kombi-Impfstoff

Wie bei Möglichkeit 1 zweimal im Abstand von drei Wochen mit einem monovalenten RHDV-Impfstoff immunisieren und die Impfung alle sechs Monat auffrischen. Zusätzlich jährlich mit dem Vektorimpfstoff kombiniert gegen Myxomatose und RHDV impfen (Nobivac® Myxo-RHD, MSD-Tiergesundheit). Die doppelte Abdeckung gegen das klassische RHDV sollte kein Problem sein. Beide Impfungen können wahrscheinlich problemlos zeitgleich appliziert werden, Studien liegen hierzu jedoch nicht vor.

  • Guter Schutz gegen RHDV und Myxomatose, fraglicher Schutz gegen schwere Erkrankung (nicht Infektion und ggf. Ausscheidung) durch Kreuzreaktion gegen RHDV-2.

Möglichkeit 3: Import eines RHDV-2-Impfstoffs

Zweimalige Impfung im Abstand von drei Wochen zur Grundimmunisierung mit einem importierten Impfstoff gegen RHDV-2 (ERAVAC, Laboratorios HIPRA.; Filavac VHD variant, Labor Filavie). Eine Auffrischung ist alle 6 Monate nötig. Für den Import muss der behandelnde Tierarzt bei der zuständigen Veterinärbehörde eine Erlaubnis beantragen. Zusätzlich mit dem Vektorimpfstoff jährlich gegen RHDV1 und Myxomatose impfen oder alle sechs Monate mit monovalenten Impfstoffen jeweils gegen das klassische RHDV und Myxomatose.

  • Dies ist nach aktuellen Daten die sicherste Variante und für Tiere in Hochrisikogebieten zu empfehlen.

Wie mit Kaninchen verfahren werden soll, die eine RDHV-2-Infektion überleben ist noch unklar. Es gibt Hinweise darauf, dass überlebende Tiere Ausscheider bleiben können und dass das Virus sich monatelang in der Außenwelt hält. Wenn diese Tiere wieder vergesellschaftet werden sollen, dann in jedem Fall nur mit RHDV-2-geimpften Tieren. Eine Gefahr der Übertragung auf andere Tiere in der Umgebung durch Vektoren wie Mücken kann nicht ausgeschlossen werden.

So kann RHDV-2 nachgewiesen werden

Bei akut verstorbenen Tieren wird das Virus am einfachsten aus Lebergewebe (kleine Probe, gekühlt versenden) mittels PCR nachgewiesen und differenziert (FLI, Virologie Gießen, synlab vet). Bei akut erkrankten Tieren mit Symptomen wie Fieber, Ikterus, Apathie, Hepatopathie in der Virämiephase kann das Virus zumeist auch aus EDTA-Blut-Proben isoliert werden. Ein Antikörpernachweis aus Serum/Plasma ist möglich, aber nur sinnvoll bei RHDV-ungeimpften Tieren, bei denen eine potenzielle Infektion mehr als ein bis zwei Wochen zurückliegt. Akut infizierte Kaninchen haben meist noch keine Antikörper ausgebildet. ( vm)