Journal Club | Nutztiere 10.11.2014

Sonographische Befunde und Therapie bei einer Kuh mit Pyonephrose

NEPHROSE: Koliksymptome, dunkelgelber, trüber Urin mit Eiterflocken und eine Azotämie können beim Rind Anzeichen einer Pyonephrose sein.

Gemäß Erhebungen am Schlachthof sind Nierenerkrankungen, etwa eitrige Nephritiden, beim Rind selten. Beim Menschen können Infektionen der oberen Harnwege in Kombination mit einer Obstruktion der harnableitenden Wege und Hydronephrose zu einer Pyonephrose führen, aus der sich renale oder perirenale Abszesse entwickeln können. Auch beim Tier wurde die Entstehung einer Pyonephrose aus einer infizierten Hydronephrose beschrieben. Die Hydronephrose tritt beim Rind als Folge von Zystitis, anderen Harnabflussstörungen oder primär als Missbildung auf. Der vorgestellte Fallbericht beschreibt einen Fall von Pyonephrose bei einer sechsjährigen Fleckviehkuh. Die Kuh war seit sechs Monaten trächtig und wurde wegen einer Blinddarmdilatation in die Klinik eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt zeigte sie seit vier Tagen eine reduzierte Fresslust und sinkende Milchleistung und war vom Haustierarzt mit einer Calcium-Infusion und mit Metamizol vorbehandelt. Bei der Untersuchung war das Allgemeinbefinden der Kuh mittelgradig gestört. Ihre Augen waren eingefallen, der Hautturgor reduziert und die Körperoberfläche kühl. Die Herzfrequenz betrug 84/min. Der Pansen der Kuh war atonisch, mäßig gefüllt und nicht geschichtet und die Darmmotorik war stark herabgesetzt. Die Schwing- und Perkussionsauskultation war auf der rechten Seite positiv. Rektal war der dilatierte und stark gespannte Blinddarm palpierbar. Der Spontanharn der Kuh war dunkelgelb, trüb und enthielt Eiterflocken. Der Urin wies ein spezifisches Gewicht von 1025, einen pH-Wert von 5,0 und einen Eiweißgehalt von 30 mg/dl auf. Sonographisch wurde anstelle der rechten Niere ein etwa 15 cm großes, abszessartiges Gebilde dargestellt, in dem kein Nierengewebe nachweisbar war. Die linke Niere und die Harnblase waren unauffällig. Außerdem wurden atonische, stark dilatierte Dünndarmschlingen, aufgegaste Dickdarmabschnitte und ein aufgegaster Blinddarm festgestellt. Die Blutuntersuchung ergab einen stark erhöhten Hämatokrit, eine geringgradige Leukozytose mit Linksverschiebung, eine Hyperbilirubinämie und eine Azotämie. Nach einer proximalen Paravertebralanästhesie wurde eine Laparotomie in der rechten Flanke vorgenommen. Das abszessartige Gebilde konnte als stark veränderte rechte Niere identifiziert und entfernt werden. Die versorgenden Blutgefäße schienen zurückgebildet. Der Ureter war dünnwandig und mit Eiter gefüllt. Der Blinddarm der Kuh war dilatiert und verlagert. Er wurde über eine Stichinzision entleert, vernäht und reponiert. Die Ansa proximalis coli und die Kolonscheibe waren stark gefüllt. Post operationem erhielt die Kuh über drei Tage Flunixin-Meglumin (1,1 mg/kg KGW, Fluniximin; Graeub, Bern), über acht Tage Amoxicillin (7 mg/kg KGW, Clamoxyl; Pfizer, Zürich) und zusätzlich über vier Tage täglich 10 l NaCl-Glukose-Lösung sowie parallel dazu 5 l NaCl-Glukose-Lösung mit Zusatz von 42,5 mg Neostigmin (Konstigmin; Vetoquinol AG, CH, Ittigen) als Dauertropfinfusion. Initial war der postoperative Verlauf unbefriedigend. Die Kuh zeigte ein gestörtes Allgemeinbefinden, keine Futteraufnahme, eine stark reduzierte Milchleistung und abortierte am fünften Tag post operationem ihr Kalb. Anschließend entwickelte sie eine Retentio secundinarum, die erfolgreich behandelt wurde. Nach einer zusätzlichen Korrektur der Elektrolytimbalance verbesserte sich der Zustand. Der Urin war bereits zwei Tage post operationem unauffällig. Nach einem initialen Anstieg von Serumharnstoff und Kreatinin an Tag zwei post operationem kam es in den folgenden fünf Tagen zu einer Rückkehr in den Normbereich. Die Kuh wurde zwölf Tage nach der Einlieferung in einem guten Allgemeinzustand entlassen. Vier Monate später wurde sie geschlachtet, da sie nicht zu ihrer ursprünglichen Milchleistung zurückkehrte und trotz mehrmaliger Besamung nicht tragend wurde. Der Schlachtkörper war ohne Beanstandung. Bei der pathologisch- anatomischen Untersuchung stellte sich die veränderte Niere als mit über einem Liter dickflüssigem Eiter gefüllter bindegewebiger Sack dar. Der physiologische Aufbau der Niere war nicht mehr erkennbar. Im Rahmen der bakteriologischen Untersuchung wurde Trueperella  (T.) pyogenes in Reinkultur nachgewiesen. Als abschließende Diagnose konnte daher eine Pyonephrose rechts infolge einer T. pyogenes-Infektion gestellt werden. Den Autoren war keine frühere Beschreibung einer Pyonephrose beim Rind bekannt. Als Differenzialdiagnosen kommen eine einseitige, hochgradige Pyelonephritis, eine abszedierende Nephritis in hochgradig raumfordernder Ausprägung und eine eitrig infizierte Hydronephrose infrage. Eine Pyonephrose kann auch das Endstadium einer Pyelonephritis mit eitriger Einschmelzung in die Nierenkelche darstellen. Die traubenförmige Struktur wird dabei beibehalten, weshalb diese Ursache im vorliegenden Fall unwahrscheinlich ist. Die Blinddarmdilatation im hier beschriebenen Fall kann mit einer schmerzbedingten Motilitätsstörung des Gastrointestinaltraktes in Verbindung gestanden haben. 

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Lesser M, Krüger S, Nuss K, Sydler T, Braun U (2014): Sonographische Befunde und Therapie bei einer Kuh mit Pyonephrose. Schweiz Arch Tierheilkd 156: 336–340.