Verhalten | Spätes Absetzen 18.12.2017

Spätes Absetzen – der Schlüssel zu entspannten Katzen?

Katzenwelpen, die 14 Wochen bei der Mutter belassen werden, sind nach einer aktuellen Studie weniger aggressiv und zeigen deutlich seltener Macken als frühentwöhnte Artgenossen. Drei Fragen an die Erstautorin.

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Foto: Karin E. Lason

Werden Jungtiere eher als in der Natur üblich von ihrer Mutter getrennt, gelten sie als frühentwöhnt. Wildkatzen säugen ihre Jungen zwar nur etwa acht Wochen lang, bleiben jedoch insgesamt ungefähr vier Monate mit ihnen zusammen. Bisher wurde meist davon ausgegangen, dass Kätzchen bereits verhaltensstabil sind und in ein neues Zuhause können, sobald die kritische Sozialisierungsphase, die zwischen der zweiten und achten Lebenswoche abläuft, vollzogen ist.

Die Studie
Ein Forscherteam aus Finnland hat sich nun die Auswirkungen von frühem Absetzen (hier: < 12 Wochen) von Kätzchen auf die spätere Entwicklung von Aggressivität und Stereotypien näher angesehen. Dafür werteten sie ausgefeilte Online-Fragebögen zum Verhalten von über 5700 Wohnungskatzen 40 verschiedener Rassen aus. Es zeigte sich, dass Katzen, die erst nach 14 Wochen von ihrer Mutter getrennt werden, später deutlich weniger aggressiv auf Fremde reagieren und weniger wahrscheinlich stereotype Verhaltensprobleme, wie Wollnuckeln oder exzessives Putzen, zeigen, als frühentwöhnte Tiere.
Solche Macken erklären sich nur teilweise aus der grundsätzlichen Persönlichkeit der Tiere. Werden Katzen erst im Erwachsenenalter oder gar nicht von ihrer Mutter getrennt, sind sie aufgeschlossener gegenüber Neuem und weniger stressempfindlich. Mehr Angst erklärt sich hingegen nicht durch zu frühes Entwöhnen, so die Forscher.
Anhand ihrer Ergebnisse und neurobiologischen Studien an anderen Tierarten gehen die Autoren davon aus, dass vorzeitiges Absetzen Gehirnfunktionen verändert. Diskutiert werden insbesondere eine Dysfunktion der Vernetzung kortiko-basaler Ganglien sowie erhöhte Dopamin- und verminderte Serotoninlevel. Und: mehr Stress – öfter krank. Die Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass Verhaltensauffälligkeiten nicht im Umkehrschluss nur auf Frühentwöhnung zurückgeführt werden können. Für eine eingehendere Untersuchung anderer Umweltfaktoren wird ihr Online-Fragebogen zukünftig um zusätzliche Aspekte erweitert und baldmöglichst auch auf Englisch angeboten.

Drei Fragen an Erstautorin Milla Ahola
Liebe Milla, inwieweit können Wohnungskatzen durch gelegentlichen Freigang von zwanghaftem Verhalten befreit werden?
Ahola: In unserer Studie stellten wir fest, dass Katzen, die nur selten rausgelassen werden, mehr Stereotypien zeigen als solche, die nie oder täglich hinausgehen. Allerdings fußt diese Feststellung lediglich auf der Korrelation zwischen solchen Verhaltensmustern und möglichem Zugang nach draußen. Aus unseren Ergebnissen lässt sich nicht schlussfolgern, dass Freigang auch Katzen hilft, die schon vorher verhaltensauffällig waren. In bisherigen Studien mit Labor- und Zootieren hat eine angereicherte Umgebung (Anm. d. Red.: im Fachjargon „environmental enrichment“) stereotypes Verhalten reduziert. Für Katzen kann „environmental enrichment“ täglicher oder wöchentlicher Ausgang sein. Auch geeignet sind: tägliches Spielen, zur Verfügung gestellte Kletter-, Kratz- und Versteckmöglichkeiten (wie beispielsweise Katzenbäume, Regale, Fensterbretter, Kratzpfosten, Kartons und Tunnel), sowie die Tiere mental zu stimulieren, (etwa mit Spielzeug, bei dem die Katzen tüfteln müssen, um an ihr Futter zu gelangen, oder mittels „Clicker Training“). Freigang mit Spaziergängen an der Leine oder in einem Außengehege ist eine einfach umsetzbare Möglichkeit, die Umgebung der Tiere zu bereichern; die meisten Katzen genießen das. Katzen draußen frei, das heißt unbeaufsichtigt in einer unbegrenzten Umgebung, herumstromern zu lassen, lehnen wir ab: Die Hauskatze ist eine invasive Art, die für sinkende Bestandszahlen und lokales Aussterben vieler Tierarten verantwortlich ist.

Wie können Besitzer die gesunde Verhaltensentwicklung ihrer frühentwöhnten Wohnungskätzchen – beispielsweise von Findlingen – am besten unterstützen?
Ahola: Es gibt bisher keine Studien, die explizit danach schauten, wie frühentwöhnte Kätzchen am besten unterstützt werden können. Persönliche Erfahrungswerte und Forschungsarbeiten mit anderen in Gefangenschaft gehaltenen Tierarten zeigen jedoch, dass „environmental enrichment“ – wie oben beispielhaft erläutert – und auch Gruppenhaltung geeignete Hilfen für eine gesunde Entwicklung sein können. Bei der Gruppenhaltung wissen wir nicht, ob Kätzchen mit Geschwistern oder mit Nichtverwandten aufwachsen sollten und ob es besser ist, sie auch zusammen mit erwachsenen Katzen oder lediglich mit Kätzchen ähnlichen Alters zu halten. Allerdings scheint eine Gruppenhaltung mit egal welchen Artgenossen besser zu sein als überhaupt keine soziale Interaktion.

Welches Absetzalter für Katzen empfehlen Tierärzte in Finnland?
Ahola: Tierärzte raten weithin zu einem Absetzalter von 12 Wochen, auch wenn viele Kliniken dies auf ihren Webseiten nicht explizit erwähnen. Für dieses Alter plädieren auch Rassekatzenverbände und Tierschutzorganisationen.
Fragen und Übersetzung aus dem Englischen: Karin E. Lason