Journal Club | Nutztiere 24.03.2015

Supplementierung von Vitamin B12 bei peripartalen Kühen

Vitamin B12 spielt nicht nur eine wichtige Rolle als Coenzym, sondern auch im Glukosemetabolismus und bei der Fettsäuresynthese. Ein Einfluss auf das rote Blutbild wurde bereits festgestellt.

Vitamin B12 kommt in Futterpflanzen nicht vor, sondern wird ausschließlich von bestimmten Hefen, Blaualgen und Bakterien wie Nocardia-, Streptomyces-, und Bacillus-Arten sowie Propionsäurebakterien gebildet. Diese Bakterien kommen natürlicherweise im Vormagen von Wiederkäuern vor und produzieren dort Vitamin B12, sodass die Tiere Vitamin B12 prinzipiell nicht über das Futter aufnehmen müssen. Um eine ausreichende Produktion von Vitamin B12 sicherzustellen, muss die Ration jedoch dennoch eine ausreichende Menge an Kobalt sowie Rohfaser enthalten. Ein Vitamin-B12-Mangel führt zu einer Reduktion der Futteraufnahme und folglich des Körpergewichts sowie auch zu einem Rückgang der Glukoneogenese. Eine weitere, für die Gesundheit insbesondere hochleistender, peripartaler Kühe negative Folge eines Vitamin-B12Mangels ist eine gesteigerte Lipolyse, da diese den Leberstoffwechsel negativ beeinflusst und damit v. a. das Risiko für die Entstehung einer Ketose erhöht. Weiterhin steht ein Vitamin-B12-Mangel vermutlich auch in Verbindung mit den bei der Pansenazidose bekanntermaßen auftretenden Fermentationsstörungen. Als weitere Folgen eines Vitamin-B12-Mangels bei Milchkühen konnten ferner eine verlangsamte Erythropoese, eine Abnahme des Hämatokritwertes und der Hämoglobinkonzentration nachgewiesen werden. Da ein Vitamin-B12-Mangel einen negativen Einfluss auf die Zahl und das Verhältnis der Leukozyten hat, wird die Immunantwort bei den betroffenen Kühen geschwächt und es besteht infolgedessen eine erhöhte Empfänglichkeit für Infektionen.

Untersuchungsmaterial und –methoden
Die Untersuchungen wurden in einem Betrieb mit 1300 Kühen der Rasse Holstein Friesian in Brandenburg durchgeführt. Insgesamt gingen 136 Kühe, die sich zumeist in der dritten Laktation befanden, in die Untersuchung ein. Das Futter bestand aus Grassilage, Maissilage, Wiesenheu, Biertreber und Eiweiß- sowie Mineralfuttermischungen als totale Mischration. Während die Kontrollgruppe (n = 71) normales Mineralfutter erhielt, wurde die Versuchsgruppe (n = 65) mit einem Mineralfutter, das 0,5 g Vitamin B12 (Cyanocobalamin) enthielt, vier bis sechs Wochen ante partum bis zur Abkalbung gefüttert. Neben einer klinischen Untersuchung erfolgte am zweiten sowie sechsten Tag und vier bis sechs Wochen post partum eine hämatologische Untersuchung der Tiere. Außerdem wurden die Parameter freie Fettsäuren (FFS), Betahydroxybutyrat (BHB), Glukose, Bilirubin, Cholesterol, Gamma-Glutamyl-Transferase (GGT), Creatinkinase (CK), Harnstoff, Kalzium, Eisen und anorganisches Phosphat (Pi), Cyanocobalamin sowie Kobalt gemessen. Im Zuge der Blutprobenentnahme wurde der Body Condition Score (BCS) der Tiere erhoben. Eine Erfassung über Erkrankungen und den Verlauf des Puerperiums erfolgte ab der Kalbung bis drei Monate danach. Der Milchfett- sowie Milcheiweißgehalt wurde aus den Daten der Milchkontrolle durch den Landeskontrollverband Brandenburg ermittelt.

Ergebnisse
In den ersten drei Monaten post partum unterschieden sich die Erkrankungshäufigkeiten sowie die Body Condition Scores der Kontrollgruppe und der Versuchsgruppe nicht signifikant. Als krank galten Tiere, die eine Lahmheit, Mastitis, Labmagenverlagerung oder Nachgeburtsverhaltung zeigten oder aus anderen Gründen Antibiotika erhielten (z. B. Pneumonie, Indigestion). Die Serumkonzentrationen an Vitamin B12 sanken in beiden Gruppen im ersten Monat post partum ab. Allerdings waren die Serumspiegel an Vitamin B12 in der Versuchsgruppe am zweiten und sechsten Tag sowie vier bis sechs Wochen post partum höher als in der Kontrollgruppe. Die Zahl der Erythrozyten, der Hämatokritwert und die Hämoglobinkonzentration waren an beiden Probenentnahmezeitpunkten in der Versuchsgruppe statistisch signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Der Hämatokrit und die Hämoglobinkonzentration korrelierten zwei bis sechs Tage post partum in der Versuchsgruppe signifikant mit den Vitamin-B12-Blutspiegeln, während die Erythrozytenzahl und der Hämatokritwert in der Kontrollgruppe negativ mit den Vitamin-B12-Blutspiegeln korrelierte. Die Hämoglobinkonzentration war in der mit Vitamin B12 substituierten Gruppe zwei bis sechs Tage post partum signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Es bestand eine Korrelation mit der Vitamin-B12-Konzentration im Serum. Die Glukosekonzentration und die gamma-GT-Aktivität waren bei der Versuchsgruppe vier Wochen post partum ebenfalls statistisch signifikant höher. Die Glukose- und die Harnstoffkonzentrationen korrelierten in beiden Gruppen positiv mit den zwei bis sechs Tage post partum gemessenen Vitamin-B12-Blutspiegeln. Der prozentuale Milchfettgehalt war bei den Kühen der Versuchsgruppe signifikant erhöht. Außerdem zeigte sich bei denjenigen Kühen, die eine Vitamin-B12 Supplementierung erhalten hatten, eine Tendenz zu einer erhöhten Milchleistung im ersten Laktationsmonat.

Schlussfolgerungen
Durch orale Substitution von Vitamin B12 ante partum konnten im postpartalen Zeitraum höhere Vitamim-B12-Blutspiegel erzeugt werden. Ein Absinken der Zahl der Erythrozyten, des Hämatokritwertes und der Hämoglobinkonzentration und damit das Auftreten einer postpartalen Anämie konnten damit begrenzt bzw. verhindert werden. Der Vitamin-B12-Spiegel peripartaler Kühe sollte überwacht werden, um die geschilderten negativen Folgen für peripartale Milchkühe rechtzeitig durch eine entsprechende Vitamin-B12-Substitution abzufangen.

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Obitz K, Fürll M (2014): Untersuchungen zur oralen Vitamin-B12-Substitution bei Kühen. Wien Tierarztl Monatsschr 101: 263–272.