aus der Praxis | Mitarbeiter 10.10.2019

TFA´s: Die Anerkennung fehlt

Ein Großteil der tiermedizinischen Fachangestellten bleibt nicht im Beruf, Tierärzte sind auf ständiger Mitarbeitersuche. Woran liegt das?

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Foto: Vasyl - stock.adobe.com

Ja ist schon wieder Montag? Kaum zu glauben nach einem Wochenende, das kaum Luft zum denken ließ. Und erneut hat das unermüdliche Telefon zu klingeln begonnen. Im Behandlungszimmer stapeln sich Kartons mit Bestellungen. Daran sieht man, dass im Notdienst eine Katastrophe die nächste jagte. Der erste Besitzer steckt den Kopf zur Tür herein. Er ist nervös und hat Redebedarf, denn sein Hund hat einen OP-Termin. „Es war doch richtig, dass er nichts zu fressen bekommen hat?“ Der Steri ist durchgelaufen und das Narkosegerät möchte zusammengesteckt werden. Prompt steht ein weiterer Besitzer in der Tür. Er möchte seinem Ärger Luft machen − die Rechnung, diese Kosten − unverschämt! Sein Hund erleichtert sich im Wartezimmer.
Zehn Aufgaben für zwei Hände und Ohren: Ruhe bewahren!

Für kleines Geld im Dauereinsatz
Tiermedizinische Fachangestellte haben einen vielfältigen und anspruchsvollen Beruf, der häufig keine geregelten Zeiten kennt: Als Organisatoren und Kassenwarte, Berater und Seelsorger, Tierbändiger sowie Überblicker und Instandhalter der Praxis-, Stations- und Stallordnung sind sie für kleines Geld im Dauereinsatz. Die Arbeit mit dem Tier, welche laut Befragungen der Tierärztekammer Sachsen der häufigste Beweggrund für die Wahl der Ausbildung ist, zeigt sich im Alltag weit weniger romantisch als in der Traumvorstellung. Viel auf-/wegräumen und putzen, gestresste und entnervte Tierärzte, tobende Katzen, besorgte oder frustrierte Kunden. Und die TFA? Ist für alle das Ventil.
Erste Anlaufstelle sein, genau wissen, was bei der Blutentnahme falsch gelaufen sein könnte, die Narkose im Griff behalten, ruhig geblieben beim OP-Zwischenfall und am Ende oft noch nicht einmal ein lobendes Wort. Es ist ja alles selbstverständlich.
Im Hintergrund die Strippen ziehen, währen der Tierarzt stets das letzte Wort spricht, ist nicht immer einfach, manchmal undankbar. Schweizer Helferinnen beklagen in Umfragen neben der geringen Wertschätzung vor allem die viele Arbeit und die niedrige Bezahlung. Insgesamt gaben jedoch zwei Drittel der TFAs an, mit ihrer Stelle zufrieden zu sein. Trotzdem: Alt im Beruf werden die wenigsten. Über die Hälfte der angestellten TFAs sind jünger als 30, viele arbeiten in Teilzeit. Häufig sind die dreijährige Ausbildung und der letztliche Job lediglich eine Zwischenlösung, das Sprungbrett ins Tiermedizinstudium oder der Weggang aus der Branche.

Selber denken unerwünscht
Lara Kunst ist TFA, und was für eine! Sie schloss 2017 als eine der besten Absolventinnen Niedersachsens ab. In der Praxis geblieben
ist jedoch auch sie nicht. Auf ihrem Blog tierischwildesleben schreibt sie, warum: „[...] leider gibt es viele vorgefertigte Meinungen der Gesellschaft über das Berufsbild der Tiermedizinischen Fachangestellten: über deren Aufgabenbereiche, genaue Vorstellungen der Arbeitgeber und Kollegen, wie dieser Beruf auszuüben ist, wie viel man selber denken darf und es gibt leider nur sehr wenig Anerkennung [...].“ Sie möchte TFAs ermuntern, „mehr aus ihrem Beruf zu machen als gesellschaftlich erwartet“, und hat die Lernplattform tierischwildeslernen.de ins Leben gerufen.
Das eigenverantwortliche Handeln, das Lara Kunst anspricht, es scheint in Deutschland weniger gefördert zu werden bzw. gewünscht zu sein. So zeigen Berichte und Praktika aus Ländern wie Kanada oder Neuseeland, dass TFAs dort viel mehr Aufgaben eigenständig absolvieren können und dürfen, was wiederum zu einer größeren Arbeitszufriedenheit führt.
Alteingesessene Tierärzte beklagen hingegen, dass die junge Generation den eigenen Kopf kaum noch benutzen wolle und Verantwortung scheue − nicht nur TFAs, auch junge Tierärzte würden am liebsten nach vorgefertigten Plänen, ja einer Art Kochrezept handeln. Problematisch ist, wenn die Bewerbungen ganz ausbleiben. So ist auf Facebook von verzweifelten Praxisinhabern zu lesen, die die Suche wissensdurstiger und freundlicher Auszubildender als eine „Mission impossible“ beschreiben. Ähnliches spiegeln uns Tierärzte im Gespräch wider: Tiermedizinische Fachangestellte wären unfreundlich am Telefon, unmotiviert und würden kaum mal um die Ecke denken. Gute Helfer müsse man hingegen hegen und pflegen – da diese heutzutage rar seien.

Bitte bleib!
Doch wie schaffen es Praxisinhaber, das TFAs bleiben wollen? Im Prinzip gilt für sie das Gleiche wie für Tierärzte: Sie schätzen Teamwork und Begegnungen auf Augenhöhe, wollen Lob und Anerkennung sowie das Gefühl, den Praxisalltag mitgestalten zu können. Dieses Gefühl bekommen sie, wenn Tierärzte sie in den Arbeitsalltag integrieren und mitdenken lassen, das eigene Handeln erklären und Aufgaben abgeben. Natürlich ist eine angemessene Bezahlung ebenso wichtig, was nur durch eine entsprechende Preisgestaltung zu erreichen ist. Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Fortbildungen schaffen das wichtige Gefühl der Bedeutsamkeit. „Dafür fehlen uns Geld und Möglichkeiten“, werden besonders kleine Praxen klagen. Diese können jedoch mit persönlicheren Beziehungen punkten. Und: Lobende Worte kosten nichts.