bpt berufspolitischer Erfolg 29.06.2020

Tierärzte sind systemrelevant!

Deutschlands Tierärzte sind bislang recht gut durch die Corona-Krise gekommen. Im weltweiten Vergleich sogar am besten.

Und wer hätte das gedacht: Was die Zukunft anbelangt sind die deutschen Tierärzte sogar am optimistischsten. Weit vor den (berufsoptimistischen) US-Kolleginnen und Kollegen. Warum ist das so?

Einstufung als systemrelevanter Beruf
Die Antwort ist recht simpel (auch wenn der Weg dorthin nicht immer einfach war): Entscheidend ist die Einstufung des Tierarztberufes durch die Bundesregierung als systemrelevanter Beruf. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte diese Entscheidung dem bpt-Präsidenten Dr. Siegfried Moder am 23. März in einem mit dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) abgestimmten Schreiben mitgeteilt. Darin heißt es: „Aus Sicht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sind die im Nutztierbereich und für die veterinärmedizinische Grund- bzw. Notfallversorgung von Heimtieren tätigen Tierärzte, Tiermedizinischen Fachangestellten und Tierpfleger als systemrelevant einzustufen.“ Dem vorhergegangen war ein vom bpt initiierter Brandbrief an die Bundesminister Klöckner (Landwirtschaft), Spahn (Gesundheit) und Heil (Arbeit und Soziales) (mitunterzeichnet von BbT, DVG, BTK, VMF und DTB) in dem mit Blick auf die sich abzeichnenden Einschränkungen durch die Corona-Krise die Einstufung als systemrelevanter Beruf gefordert wurde. Zur Begründung heißt es in dem Verbände-Brief vom 16. März: „Angesichts der rasant steigenden Fallzahlen von Corona-Infektionen besteht dringender Handlungsbedarf, den Tierschutz und die Tierseuchenbekämpfung sicherzustellen. Die Behandlung kranker Tiere, die Sicherheit von Lebensmitteln und die Bekämpfung von Tierseuchen müssen zum Schutz von Mensch und Tier auch weiterhin flächendeckend gewährleistet werden können.“

Berufspolitische Schwerstarbeit
Weil ich oft darauf angesprochen werde: Nein, diese Einstufung als systemrelevanter Beruf ist weder gottgegeben noch lag sie auf der Hand, ganz sicher nicht für die Kleintier- und Pferdepraktiker. Auch wenn von Beginn an unstrittig war, dass die Nutztierpraktiker systemrelevant sind, allein schon, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherstellen zu können (wer erinnert sich noch an die Nudel- und Klopapierhysterie am Anfang des Lockdowns?), so war der Fall bei den Kleintier- und Pferdepraktikern alles andere als klar. In der Woche vom 16. bis zum 23. März hat sich dann gezeigt, wie wichtig die jahrelange berufspolitische ‚Investition‘ in ein großes, stabiles und verlässliches berufspolitisches Netzwerk war, um in dieser Krisensituation die Handynummern von den ‚richtigen Leuten‘ zu haben. In unzähligen Telefonaten zu allen Tages- und Nachtzeiten mit Abgeordneten, Staatssekretären, Ministerialbeamten, Behördenleitern und Verbandskollegen ist es bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder und dem Unterzeichner schlussendlich gelungen, die Bundesregierung, trotz Widerstand aus dem BMG, mit guten Sachargumenten zu überzeugen, dass auch die Kleintier- und Pferdepraxis als systemrelevant einzustufen und damit auch diesen Praxen mehr als eine reine Notfallbehandlung zu ermöglichen ist, natürlich unter Einhaltung der erforderlichen Hygienebestimmungen. Leider wurde dieser berufspolitische Erfolg von einer Diskussion über die Frage überlappt, ob die auf Länderebene vorzunehmende Einstufung als systemrelevanter Beruf nun auch eine Inanspruchnahme der Kindernotbetreuung möglich macht oder nicht (für einen Beruf mit zunehmend größer werdendem Frauenanteil sicherlich auch eine sehr wichtige Frage, die aber letztlich in den meisten Bundesländern akzeptabel gelöst wurde). Aus dem Auge wurde dabei verloren, was (bundespolitisch) für Praxisinhaber/innen, angestellte Tierärzte/innen und TFA erreicht wurde: Trotz Lockdown in vielen Teilen der deutschen Wirtschaft konnten ALLE Tierarztpraxen geöffnet bleiben und waren so (mehr oder weniger) in der Lage den REGELBETRIEB aufrecht zu erhalten!

Wirtschaftliche Zuversicht und gesellschaftliche Wertschätzung
Um es konkret zu machen: Wenn man grob überschlägt, welcher Umsatzverlust den Kleintier- und Pferdepraxen in den zehn Wochen des Corona-Lockdowns durch die Einstufung als systemrelevanter Beruf (Grund- und Notversorgung) erspart geblieben ist, dann kommt man ganz schnell auf eine Größenordnung von 170–190 Mio. Euro. Dass sich die Umsatzrückgänge, anders als zu Beginn der Krise noch befürchtet, in Grenzen gehalten haben, zeigen sowohl die beiden vom bpt im April und Mai 2020 durchgeführten Umfragen zur wirtschaftlichen Situation in den Praxen, an denen jeweils rund 800 Tierärztinnen und Tierärzte teilgenommen haben. Rund zwei Drittel der Teilnehmer gaben an, dass die Umsätze in ihrer Praxis seit Mitte März stabil geblieben sind oder sich sogar besser entwickelt haben. Andere Umfragen unterstützen dieses Ergebnis. Eine im zweiwöchigen Rhythmus während der Corona-Krise durchgeführte Umfrage von CM-Research, einer international agierenden Unternehmensberatung, zeigt für Deutschland einen Umsatzverlust von (nur) 23 % seit Beginn der Corona-Krise. Nur Australien steht noch etwas besser da (- 18 %). Alle anderen weltweit untersuchten Länder haben hier mit deutlich dramatischeren Auswirkungen der Krise zu kämpfen: Spanien (- 70 % Umsatzrückgang), Italien (- 66 %), Frankreich (- 66 %), Großbritannien (-38 %), Kanada (- 33 %) und USA (- 24 %).

Bekanntlich besteht Wirtschaft zu mindestens 50 % aus Psychologie. Deshalb war es natürlich wichtig, dass Praxen nicht geschlossen werden mussten bzw.es erlaubt war, mehr als nur die reine Notfallbehandlung durchzuführen. Die zweite Seite der Medaille war aber der psychologische Effekt der sich aus der Einstufung als systemrelevanter Beruf ergab. In den vielen Telefonaten, die ich in den letzten Wochen geführt habe, hatte ich immer den Eindruck, dass viele Tierärztinnen und Tierärzte mit dieser Einstufung endlich die gesellschaftliche Akzeptanz verspürt haben, die sie sich immer gewünscht bzw. herbeigesehnt haben („wir sind doch jetzt systemrelevant“). Auch dieser Effekt lässt sich übrigens in den Umfragezahlen gut ablesen. Dass die Zukunftserwartungen bei den (normalerweise eher pessimistischen) deutschen Tierärzten derart positiv sind, hat mich schon überrascht. Während in der bpt-Umfrage (nur) rund 50 % der Teilnehmer davon ausgehen, dass sich die Praxisumsätze in 2020 weiter stabil bis positiv entwickeln, zeigt die Umfrage von CM-Research sogar, dass die deutschen Tierärzte im Vergleich zu allen anderen Ländern am zuversichtlichsten in die Zukunft blicken.

Systemrelevant forever?
Vor einigen Wochen hat mich ein Tierarzt angerufen, der von mir wissen wollte, ob die Tierärzte auch noch systemrelevant sind, wenn Ende des Jahres eine zweite Infektionswelle kommt. „Oder dürfen die Praxen dann vielleicht wieder nur Notversorgung machen?“ Mir ist bei dieser Fragestellung erst bewusst geworden, wie wichtig es ist, noch einmal auf den politischen Stellenwert hinzuweisen, den der o.g. Brief von Bundesministerin Klöckner vom 23. März hat. Nein, dieser Brief ist nicht eine aus einer Bierlaune entstandene Gefälligkeitsleistung für den bpt. Diese in dem Brief niedergeschriebene (und vom bpt geforderte) Position ist als Kompromiss in harten Verhandlungen und zähem Ringen zwischen BMEL und BMG entstanden, wurde mit den Ländern abgestimmt und an die Gesundheitsbehörden vor Ort als Handlungsanweisung weitergegeben. Ich bin deshalb sehr sicher, dass diese Position weit über das Jahr 2020 hinaus Bestand haben wird. Heiko Färber