Kardiologie | Interview 27.09.2018

Vorhofflimmern beim Pferd behandeln

Die transvenöse elektrische Kardioversion (tvec) ist eine moderne Therapiemethode, die Pferden mit Herzrythmusstörungen helfen kann. Doch für welche Patienten und Kliniken eignet sie sich? Wir haben Pferdetierärztin Hannah Junge gefragt.

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Foto: Vetmed Uni Vienna

Herzprobleme können bei (Sport)pferden zu Leistungseinbußen führen. Tiere mit Vorhofflimmern wurden bis dato vor allem medikamentös therapiert. Eine weitere Behandlungsmethode bietet nun auch die Vetmeduni Vienna an:

Die Technik
„Bei der transvenösen elektrischen Kardioversion werden direkt am Herzen Stromstöße verabreicht, um die konfuse Erregungsleitung der Vorhöfe neu auszurichten“, erklärt Jessika Cavalleri, die Leiterin der Klinischen Abteilung. Dafür wird unter Ultraschall- sowie röntgenologischer Kontrolle ein Katheter ins Herz gelegt. Druckmessungen verifizieren seine korrekte Lage. Für die eigentliche Behandlung wird das Pferd in Vollnarkose gelegt. Bei der Verabreichung der Stromstöße ist das exakte Timing wichtig, um gefährliche Herzrhythmusstörungen zu vermeiden. Ziel ist die „gepulste“ Rückführung in den physiologischen Herzrhythmus. Vier Wochen nach dem Eingriff erfolgt eine Nachuntersuchung. Danach kann in der Regel das Training wieder aufgenommen werden Die tvec ist mittlerweile nicht mehr ganz neu, aber auf jeden Fall modern. Das EquineCardioTeam um Gunther van Loon und Dominique De Clercq etablierten die Methode in Europa erstmals an der belgischen Universität Ghent. Mittlerweile bieten Zürich und Hannover die Therapie an und nun auch Wien. Wie sieht es in Privatkliniken aus?

Können Sie derzeit bereits auch privaten Pferdekliniken empfehlen, die tvec zu etablieren? Was gilt es hierbei zu beachten?
Hannah Junge: Wenn eine private Klinik die TVEC etablieren möchte, muss das fachliche know how eines Kardiologen und eines Anästhesisten vorhanden sein, die technischen Geräte, das weitere Equipment an Introducern, Herzkathetern, Einrichtungen zur kontinuierlichen EKG-Überwachung und Druckmonitoring, sowie Narkoseüberwachung gegeben sein und eine adäquates Ultraschallgerät sowie Röntgengerät und entsprechende Räumlichkeiten (Raum zur Instrumentalisierung, Röntgen, Operationsraum/Aufwachbox) zur Verfügung stehen. Des Weiteren ist ein gewisser personeller Aufwand zu bedenken, da die Katheter nicht alleine gesetzt werden können. Bislang bieten nur wenige Institutionen weltweit mit den nötigen Spezialisten vor Ort die TVEC an. Neben dem instrumentellen und personellen Aufwand könnten das Risiko von Anästhesiezwischenfällen und das Risiko möglicherweise fataler Arrhythmien dazu beitragen.

Wie sieht es mit den Kosten für den Patientenbesitzer im Vergleich zur medikamentösen Methode aus (auch langfristig)?
Hannah Junge: Die Kosten beider Behandlungsmethoden sind vergleichbar, vor allem, wenn das Pferd mit der medikamentösen Behandlung nicht in kurzer Zeit konvertiert, sondern die Therapie über 24 und mehr Stunden fortgeführt werden muss. Da beide Methoden eine ähnliche Erfolgsrate haben und auch das Wiederauftreten des Vorhofflimmerns nach erfolgreicher Konversion nach dem heutigen Kenntnisstand identisch ist, besteht auch langfristig kein nennenswerter Unterschied zwischen den Methoden.

Bei welchen Patienten ist die tvec den medikamentösen Ansätzen vorzuziehen?
Hannah Junge: Bei allen Pferden, die die medikamentöse Therapie, im Fall von Pferden vor allem das Quinidin, nicht vertragen, die mittels medikamentöser Therapie nicht konvertiert werden konnten, bei denen aus medizinischen Gründen ein Medikament nicht eingesetzt werden kann oder sollte und bei Pferden mit ventrikulären Arrythmien.

Hannah Junge arbeitet an der Universitätsklinik für Pferde der Vetmed Uni Wien im Bereich innere Medizin.