Waise | Erste Hilfe 26.04.2019

Wann junge Wildtiere Hilfe brauchen

Frühling in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen: Für Stationsleiter Florian Brandes und sein Team steht die Versorgung verwaister Jungtiere an der Tagesordnung. Doch welche Tiere brauchen wirklich Unterstützung?

 - 
Foto: Wildtierstation Sachsenhagen

Welche Wildtiere werden am häufigsten zu Ihnen gebracht?
Brandes: Meist sind es Tierarten, die in der Nähe von Häusern, im Garten etc. leben, wo sich Menschen aufhalten und die Tiere eher gefunden werden als in der freien Wildbahn, z. B. im Wald. Deshalb werden Amseln, Haussperlinge und Ringeltauben sehr oft gebracht. Bei den Säugern stehen Igel an erster Stelle, doch auch Feldhasen und Wildkaninchen, Eichhörnchen und Fledermäuse werden häufig gefunden. In den letzten Jahren hat die Zahl der Wildkatzen zugenommen, die inzwischen auch außerhalb der klassischen Verbreitungsgebiete wie dem Harz vorkommen. 70–80 Prozent der Patienten sind verwaiste Jungtiere, die anderen werden aufgrund von Verletzungen gebracht. Im Herbst kommen viele Jungigel, die schon von der Mutter getrennt sind, aber z. B. aufgrund von Parasiten nicht das zur Überwinterung nötige Gewicht haben.

Werden häufig Tiere „gerettet“, die eigentlich keine Hilfe brauchen? Woran erkenne ich das?
Brandes: Ja, viele Menschen kennen die natürlichen Verhältnisse nicht und halten Jungtiere für verwaist, wenn sie die Mutter dazu nicht sehen können. Aber bei Feldhasen ist es zum Beispiel völlig normal, dass die Jungtiere tagsüber allein in der Sasse bleiben. Bei Wildkatzen ist es für Laien schwierig, sie von Hauskatzen zu unterscheiden. So werden vermeintlich verwaiste Kätzchen aus dem Wald mitgenommen. Diese Tiere landen dann oft im Tierheim, bevor sie zu uns kommen.

In welchen Situationen brauchen Wildtiere wirklich Unterstützung?
Brandes: Wenn sie offensichtlich verwaist oder verletzt sind und aus eigener Kraft nicht mehr überleben können. Zu erkennen, ob wirklich Hilfe notwendig ist, ist für den Laien oft nicht einfach. Am besten informiert man sich telefonisch in einer Auffangstation, noch bevor man das Jungtier mitnimmt. Eine (nicht ganz aktuelle) Liste von Pflege- und Auffangstationen findet man beim NABU (http://svg.to/nabu).

Sind die Entnahme aus der Natur und die Behandlung denn überhaupt erlaubt?
Brandes: Nur Jungtiere, die sicher verwaist oder verletzt sind, dürfen der Natur entnommen werden. Das regelt das Bundesnaturschutzgesetz in § 45. Feldhasen oder Rehkitze fallen außerdem unter das Jagdrecht, es ist Wilderei, wenn man sie einfach mitnimmt. Theoretisch müsste also vorher der Jagdpächter um Erlaubnis gefragt werden, da gibt es in der Regel aber kein Problem, wenn die Entnahme aus Tierschutzgründen berechtigt ist.

Wozu raten Sie, wenn ein junges Wildtier in der Tierarztpraxis landet?
Brandes: Handelt es sich um ein Jungtier, das eigentlich gar keine Hilfe braucht, sollte es so schnell wie möglich am Fundort wieder ausgesetzt werden. Das ist möglich, auch wenn das Tier angefasst wurde. Der Geruch interessiert die Mutter selbst bei Rehkitzen in diesem Moment nicht. Amseln nehmen den menschlichen Geruch wahrscheinlich nicht einmal wahr. Zurücksetzen geht nicht mehr, wenn das Tier aus dritter Hand kommt, also bereits im Tierheim war oder länger als zwei Tage in Menschenhand. Auch wenn z. B. eine Katze ein Jungtier angeschleppt hat und der eigentliche Fundort unbekannt ist, muss man sich um das Fundtier kümmern.
Soll ein verletztes Tier an eine Auffangstation überwiesen werden, lässt sich telefonisch klären, ob es überhaupt möglich ist, das Tier so zu behandeln, dass es wieder wildbahntauglich wird. Muss es ohnehin euthanasiert werden, sollte man ihm den Transport ersparen. Viola Melchers

Besuchen Sie die Wildtierstation Sachsenhagen online.