Berufsstand | Entwicklung 18.12.2018

Was Praxisinhaber 2019 erwartet

Die Tiermedizin steht niemals still. Wir haben zusammengefasst, welche Branchenentwicklungen Praktiker im neuen Jahr beschäftigen werden.

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Foto: M.Doerr & M.Frommherz GbR - stock.adobe.com

Statt Qual der Wahl: Nachwuchsmangel
„Gekommen, um zu bleiben“ titelte die deutsche Band „Wir sind Helden“ bereits 2005 einen Song. Einen Job beginnen und bleiben, das trifft nicht auf viele Tierärzte zu. Stattdessen haben Klinik- und Praxischefs Mühe, Angestellte zu finden, erleben stetige Wechsel, höhere Gehaltsforderungen und eine sinkende Bereitschaft für Notdienste. Der „Pool geeigneter Kandidaten“, welcher beim bpt-Praxisführungs-Vortrag zum Thema „Wie finde ich passende Mitarbeiter?“ angesprochen wurde, konnte den Tierärzten lediglich trockene Lacher entlocken. Einen Stapel Bewerbungsmappen und die Qual der Wahl, ja, die hätten Praxisinhaber gerne. Dafür, so zeigt sich, müssen Arbeitgeber aber auch verstärkt an sich arbeiten und eine Praxisidentität entwickeln. Denn ebenso wie die Bewerber verändern sich, z. B. durch VUKA. Auch die Anforderungen an Führungskräfte. Das rein hierarchische Prinzip „Ich bin Chef! – Ich bestimme!“ funktioniert immer weniger. Mitarbeiter wollen eingebunden und wertgeschätzt werden.

Digitalisierung: Fluch oder Segen?
Ob das digitale Zeitalter zu verfluchen oder zu loben ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Fest steht, dass Start-ups die Digitalisierung der Branche nutzen wollen – und werden. Oft sind die Initiatoren selbst keine Tierärzte, sondern beispielsweise Betriebswirte. Sie kennen die Sorgen der Tierärzte gut, aber auch die der Patientenbesitzer und bieten auf die wichtigsten Pains & Gains, wie es im Jargon heißt, maßgeschneiderte Angebote an. Beispielsweise Onlineberatung zu Kastration oder Entwurmung, Themen, die so gut wie jeden Patientenbesitzer früher oder später beschäftigen. So bekommt die alte Dame, die nicht nur aufgrund ihrer eigenen Hüftbeschwerden, sondern auch wegen der schlechten Verkehrsmittelanbindung nur äußerst unbequem zum Tierarzt kommt, eine erste, sie beruhigende Beratung. Kooperierende Tierärzte werden gezielt ausgesucht und nach dem „Onboarding“ von Salesmanagern betreut und „optimiert“. Mancher eHealth-Anbieter bietet einen gewissen „Gebietsschutz“ an. Das riecht dann schnell nach unlauterem Wettbewerb. Viele Praktiker betrachten diese Entwicklung misstrauisch und mit Sorge.

Keiner will ihn machen: Notdienst
Stark belastend und wenig lukrativ: Notdienste (siehe auch bpt Meldung in diesem Newsletter) sind und bleiben ein leidiges Thema. Es ist zu erwarten, dass sich die Problematik in Zukunft noch deutlich verschärfen wird, wenn immer mehr Tierkliniken ihren Klinikstatus abgeben und es haustierärztlichen Praxen an Möglichkeiten fehlt, Patienten zu überweisen. „Ich kann ja nicht mein ganzes Wochenende neben einem Hund sitzen, der eine Infusion benötigt oder gemonitored werden muss“, erzählt eine Gemischtpraktikerin aus der Wedemark. Sie fragt sich, ob es irgendwann Regelungen geben wird, nach denen Haustierärzte am Wochenende grundsätzlich nicht erreichbar sind – so wie in der Humanmedizin. „Ich käme zumindest nicht auf die Idee, am Samstag meinen Hausarzt anrufen zu wollen“. „Zum Eklat wird es kommen, wenn durch eine Notdienstunterversorgung erste Tiere versterben“, glaubt Tierarzt und Praxisberater Dimo Naujokat. Seiner Einschätzung nach werden die Preise für die notdienstärztliche Versorgung künftig in die Höhe schnellen. Auch die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes wird in Zukunft eingehender kontrolliert und bei Verstoß abgestraft. Da im Notdienst tätige Tierärzte häufig die zulässige Höchstarbeitszeit überschreiten, kommen Arbeitgeber nicht drum herum, Dienstpläne zur Vermeidung von Überstunden neu zu überdenken und zu optimieren.

Finanzinvestoren nutzen Nachfolgerproblematik
Schon jetzt gibt es viele alte Tierärzte, die in Rente gehen wollen, aber keine Käufer für ihre Praxen finden. Demnach stehen viele Verkäufer wenigen Käufern gegenüber. Finanzinvestoren nutzen die Lage und kaufen Kliniken auf, um sie in Praxisketten zu integrieren. Tierärzte sollten sich davon nicht entmutigen lassen: Investoren stellen keine Bedrohung für den freien Beruf dar. Von dem Grad der Professionalisierung und steigenden Preisen, welche mit den Praxisketten einhergehen, können auch inhabergeführte Praxen profitieren. „So lassen sich z. B. durch eine Optimierung ihrer eigenen Prozesse und Preisgestaltung die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse in Tierarztpraxen signifikant steigern“, so Dimo Naujokat, der für die TVD Finanz Praxisgründungen begleitet und Tierärzte betriebswirtschaftlich berät. Naujokat zufolge wären die Finanzinvestoren nicht an der Branche interessiert, wenn sich mit ihr kein Geld verdienen ließe. „Tiermedizin kann sehr lukrativ sein“, sagt er und ermutigt Tierärzte, über eine Selbstständigkeit nachzudenken. Im Gegenzug zu Praxisketten könnten kleine Praxen mit persönlicherem Kontakt und Kundenfokus punkten. ( LP)

Was beschäftigt Sie? Welche Entwicklungen der Branche betreffen und beschäftigen Sie als Praxisinhaber am meisten? Gerne möchten wir darauf eingehen und verstärkt über Themen berichten, die Ihnen unter den Nägeln brennen. Mail an: lisa-marie.petersen@schluetersche.de