bpt | Praktiker 4.0 19.12.2017

Wie wirkt sich der Strukturwandel auf die Tierarztpraxen aus?

Unbestreitbar ist die Tierarztbranche im Umbruch. Doch es ist ein Strukturwandel, der nicht allein von „außen“ kommt.

Die Tierärzteschaft selbst verändert sich. Deshalb seien die Tierärzte als Freier Beruf auch in der Pflicht, den Strukturwandel selbst zu gestalten, hieß es auf dem bpt-Kongress 2017 in München. Eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland suchte nach Wegen.

Externe Treiber
Es gibt eine Reihe externer „Treiber“ des Strukturwandels, die sich in den drei Ländern nicht wesentlich unterscheiden:
Die boomende Dienstleistungsgesellschaft verlangt mehr Kundenorientierung. Aus dem Arzt wird in der Erwartungshaltung ein Dienstleister. Der Berufsstand selbst aber sieht sich primär als Heilberuf mit der Verantwortung für die Gesundheit von Tieren und auch Menschen.

Gleichzeitig verändert die Digitalisierung nicht nur Service- und Arbeitsabläufe, sondern auch „Wissen“. Daraus erwachsen neue Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit der Tierärzte.
Beides zusammen verlangt von praktizierenden Tierärzten eine neue Vernetzung (sowohl technisch als auch durch neue Kooperationsformen). Fachliche Spezialisierungen verändern die Praxislandschaft. Die Möglichkeiten der Apparatemedizin erhöhen gleichzeitig den Kostendruck. Insbesondere Einzelpraxen können den Anforderungen nur kaum noch gerecht werden.

Feminisierung des Tierarztberufes
Am stärksten als Problem wahrgenommen wird aber in allen drei Ländern eine – von Praxen und auch Verbänden nicht zu beeinflussende – gesamtgesellschaftliche Veränderung der Werte. Sie trifft auf eine „Feminisierung“. In der Kombination hat das für die Praxislandschaft Konsequenzen (Zahlen siehe auch Kasten), die der österreichische Kammerpräsident Kurt Frühwirth als „Paradigmenwechsel von der Berufung zum Beruf“ beschrieb:
Der Tierarztnachwuchs ist weiblich: Der Frauenanteil bei den Tiermedizinstudierenden liegt über 80%. Die Tierärztinnen wollen ganz überwiegend angestellt arbeiten. Entsprechend hoch ist bereits heute der Frauenanteil unter den Angestellten der Tierarztpraxen: 77% in Österreich und 83 % in Deutschland.

Besondere Form des „Tierarztmangels“
Damit einher geht ein klar erkennbarer Trend zur Teilzeitarbeit. Die Konsequenz: Es wird künftig einen „Tierarztmangel“ geben. Allerdings nicht an Personen – die Gesamtzahl der Tierärzte ist seit Jahren in den drei Ländern annähernd gleich oder sogar steigend. Aber es entsteht ein Mangel an „Gesamtleistungskapazität“, wie es die Schweizer nennen – eine „Teilzeitlücke“: Um die Arbeitsleistung eines Vollzeitarbeitenden zu erbringen, sind selbst bei vermeintlichem 50:50 Jobsharing immer mehr als zwei Arbeitskräfte nötig.

Weniger selbständige Tierärzte
In allen drei Ländern erwartet man außerdem aufgrund der Altersstrukturen künftig weniger selbständige Tierärzte. Der Grund: In der auf die Rente zusteuernden Generation der „Baby-Boomer“ (50 Jahre und älter) überwiegen noch die Männer. Dort ist auch der Anteil der Selbständigen höher. Der Rückgang der „Ordinationen“ (wie es in Österreich heißt) werde Auswirkung auf die lokale/regionale Versorgungsdichte haben. Die Schweizer“ sprechen von „Gunsträumen“, von wirtschaftlich starken Städten oder Regionen mit guten Wertschöpfungsaussichten, in denen sich die Tierärzte ansiedeln. Wie man umgekehrt ländliche Räume oder gar abgelegene Alpentäler versorgen kann, ist völlig ungeklärt. Es fiel der Begriff „Wandertierärzte“.
Was können Verbände tun?

In drei Punkten herrschte Einigkeit:

  1. Gesellschaftliche Veränderungen kann man beklagen, aber nicht aufhalten.
  2. Es braucht mehr internationale Zusammenarbeit, um den Tierarztberuf als freien Gesundheitsberuf in Europa zu erhalten. Auch wenn etwa die EU und auch die Kunden das anders sähen: Tierärzte sind keine Dienstleister. Sie sind nicht nur für die tierische, sondern auch maßgeblich für die menschliche Gesundheit verantwortlich. Dafür, dass der Gesetzgeber diese Rolle bei allen Deregulierungsplänen anerkenne und ihr in der Rechtsetzung gerecht werde, müssen die Verbände kämpfen.
  3. Die Veränderung in den Praxen selbst können die Verbände am besten begleiten, indem sie professionelle Strukturen schaffen, über die sie Wissen und Erfahrungen aus der Branche sammeln und ihren Mitgliedern zur Verfügung stellen.
Die Ziele und Schwerpunkte des bpt als Interessenvertretung der selbstständigen und angestellten praktizierenden Tierärzte hat die Mitgliederversammlung gerade im „Münchener Programm 2017“ neu definiert (siehe bpt-info 11/2017). Parallel arbeitet die AG Praktiker 4.0 derzeit an einem Thesenpapier, das im Frühjahr vorgestellt werden soll.