Chiropraxis | ganzheitliche Medizin 15.09.2017

Wirbel für Wirbel

Steife Hälse und feste Rücken gehören zu ihrem Job: Pferdetierärztin Amelie Plenge hat sich auf die Chiropraktik spezialisiert.

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Foto: Lisa-Marie Petersen

Der Gesundheitstrend boomt. Ob Low-Carb-Ernährung, straffes Sportprogramm oder Mobilitätstraining: Menschen wollen ihre körperliche Fitness immer stärker optimieren. Gleiches wünschen sich Tierhalter auch für ihre Vierbeiner. Pferde und Hunde sollen sie lange begleiten und auch im hohen Alter noch möglichst gesund und leistungsfähig sein. Dieses Streben nach einer immer besseren Gesundheit und das wachsende Bewusstsein für ein ganzheitliches Wohlbefinden kommen Amelie Plenge zugute. Denn die Pferdetierärztin mit Hamburger Wurzeln ist ausgebildete und geprüfte Chiropraktorin. Mit ihrer Arbeit kann sie Pferden, aber auch Hunden helfen, zu alten körperlichen Leistungen zurückzukehren, entspannter durchs Leben zu gehen oder ihre Fitness verbessern.

Wenn die Leistung einbricht
Chiropraktoren beschäftigen sich mit der engen Beziehung zwischen Wirbelsäule und Nervensystem und wie diese den Erhalt und die Wiederherstellung von Gesundheit beeinflussen kann.
Genaue anatomische Kenntnisse ermöglichen ihnen die Untersuchung der individuellen Bewegungsspielräume aller Wirbelsäulengelenke. Ist ein Gelenk bzw. ein Bewegungssegment in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, spricht der Chiropraktor von einem vertebralen Subluxationskomplex. Diese haben Funktionsstörungen und pathologische Veränderungen zur Folge, die sich in Schmerzen oder chronischen Reizzuständen äußern können.
Mitunter sind die Spinalnerven, die durch die Intervertebralforamina aus dem Rückenmark austreten, durch die „Fixation“ irritiert. Eine gestörte Durchblutung, Lymphdrainage und Gelenksfunktionalität sind die Folgen. Die Bewegungseinschränkungen können dann mittels einer chiropraktischen Adjustierung („dem Thrust“ – siehe Kasten) behoben werden. Rückenschmerzen treten häufig auf, gerne auch nach Primärerkrankungen wie einer Lahmheit oder Kolik. „Solche Tiere sind oft steif, schwer zu reiten oder finden nicht in ihre alte Form zurück“, erzählt Amelie Plenge, die selbst Pferd und Hund hat. Gerade Reiter haben dann auf dem Rücken ihrer Pferde nur noch wenig Freude. Aber auch Hundehalter sind ratlos, wenn die tierische Leistung auf dem Hundeplatz einbricht.

Übung macht den Meister
Bevor es für Amelie Plenge nach bestandener Ausbildung an die ersten richtigen Patienten ging, mussten zunächst die eigenen Tiere herhalten: Warmblut Lotte und Terrier Pumba. Denn gerade zu Beginn kommt es vor allem darauf an, ein Gefühl für physiologische und eingeschränkte Gelenkbeweglichkeiten zu bekommen und die erlernten Methoden immer wieder auszuprobieren. Wer gut werden will, muss Zeit investieren. „Das chiropraktische Können ist niemandem in die Wiege gelegt“, meint die Tierärztin, die inzwischen zahlreiche Patienten betreut hat. Letztlich gilt: „Übung macht den Meister“.
Zeit und Geld braucht es auch, um die Zusatz­ausbildung überhaupt abzuschließen. Amelie Plenge hat die Kurse für Hund und Pferd nach der Studienzeit in Leipzig neben ihrer Doktorarbeit an der International Academy of Veterinary Chiropractic (IAVC) absolviert. „Das ist nicht zu unterschätzen“, sagt sie. Allein der Unterricht der fünf Module des Grundkurses Chiropraktik der IAVC dauert jeweils fünf Tage, hinzu kommen Hausaufgaben, Fallbesprechungen, Zwischenprüfungen und eine Abschlussprüfung. Derzeit gibt es neben der IAVC in Deutschland nur noch eine weitere Schule, die Tierärzte zu Chiropraktoren ausbildet: die BackBone-Acadamy. Die Ausbildungskosten von etwas über 5000 Euro nehmen scheinbar viele Tierärzte gerne in die Hand. „Gerade in den pferdereichen Regionen ist die Methode schon weitverbreitet“, erzählt Plenge. Die Bundesländer Hessen und Sachsen, in denen die Tierärztin per Fahrpraxis unterwegs ist, ziehen hingegen erst nach. Aber auch hier wird die Chiropraktik sehr gut angenommen, weil sie – richtig ausgeführt – eben auch viel bewirken kann. Das Behandlungspaket ist umfassend: Neben Anamnese und tierärztlichem Gesundheitscheck gehört auch eine ausführliche Beratung dazu. „Manchmal fühle ich mich nicht nur wie eine Tierärztin. Ich bin auch Fütterungsexpertin, Sattlerin, Schmiedin und Reitlehrerin“, grinst die 30-Jährige, „aber das gehört eben dazu“.

Auf das Allroundpaket kommt es an
Natürlich ist die Methode keineswegs als Allheilmittel oder Ersatz für die schulmedizinische Versorgung von Tieren zu sehen. Es geht vielmehr um das Schnüren eines „Allroundpakets“. „Die Chiropraktik ist ein wichtiger Teilbereich der ganzheitlichen Tiermedizin, eine ergänzende Therapie“ , meint Amelie Plenge. Vor der eigentlichen Behandlung muss stets abgeklärt werden, ob es sich bei dem vorgestellten Patienten tatsächlich um einen chiropraktischen Fall handele. „Pferde mit einer Fraktur oder einem verdrehten Darm brauchen keinen Chiropraktiker, sondern einen Chirurgen“, stellt die Tierärztin klar. Einige Tierärzte nutzen die Chiropraktik aber auch diagnostisch – vor allem bei geringgradigen Lahmheiten kann dies eine Hilfe sein. Häufig kompensieren solche Tiere ihren Gliedmaßenschmerz nämlich über den Rücken. Sobald die Blockaden an dieser Stelle gelöst sind, funktioniert das nicht mehr und eine Lahmheit zeigt sich deutlicher. Aber auch andere Patienten, die Schmerzen über den Rücken oder Hals kompensiert haben, nehmen die Behandlung dankend an. „Es ist toll, wenn glückliche Besitzer anrufen, weil ihre Isländer wieder tölten, Springpferde besser zum Sprung ziehen oder Hunde wieder ins Auto springen“, erzählt Plenge. In einem Beruf, in dem es häufig um die Entscheidung über Leben und Tod geht, ist die Chiropraktik wie wohltuender Balsam – für Tier, Besitzer und Tierarzt.