Leitlinien | Behandlungsempfehlung 17.11.2017

Zähne gehen alle Tierärzte an!

Die World Small Animal Veterinary Association (WSAVA) hat neue Guidelines veröffentlicht. Das neunte Empfehlungspapier der internationalen Vereinigung von Kleintierpraktikern widmet sich der zahnmedizinischen Versorgung von Hund und Katze.

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Auf 161 Seiten und in neun Kapiteln gehen die Guidelines auf die häufigsten Zahn- erkrankungen und deren Behandlung ein, thematisieren periodontale Therapie- sowie Zahnextraktionstechniken und erläutern Wissenswertes für die Fertigung auswertbarer Dentalröntgenbilder. Ebenso widmen sich die Richtlinien der Anästhesie und der Schmerztherapie, geben Tipps für die richtige Zahnpflege und liefern Fütterungshinweise für eine bessere Zahngesundheit.

Mit System untersuchen
Die Guidelines stellen klar, dass eine vollständige Untersuchung der Zähne unter Zuhilfenahme entsprechender Instrumente nur unter Allgemeinanästhesie möglich ist. Untersuchungen am wachen Patienten können nur eine erste Einschätzung über den Pflegezustand der Zähne und das Erkrankungslevel liefern. Dabei sollten Tierärzte stets systematisch vorgehen. Kapitel 4 liefert dazu klare Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Nach einer Anamnese (zeigt der Patient klinische Symptome wie Speicheln, Kopfschütteln oder Ptyalismus, die auf eine Zahnerkrankung hindeuten?) muss in der klinischen Untersuchung zunächst der ganze Kopf betrachtet werden, wobei besonders auf Symmetrien des Schädels und mögliche Schwellungen geachtet werden sollte. Ebenso sollten die Augen, die Lippen sowie die Nase betrachtet und die Lymphknoten palpiert werden. Als Nächstes sind die Okklusion sowie die Funktionalität des Temporomandibulargelenks zu prüfen. Im Rahmen der Zahnuntersuchung wird der Gebissstatus eingeschätzt (Milchgebiss/permanentes Gebiss), wobei alle fehlenden, frakturierten und verfärbten Zähne notiert werden sollten. Des Weiteren ist auch in der Maulhöhle auf Schwellungen, abnorme Massen, Ulzerationen, Blutungen sowie Entzündungsanzeichen zu achten. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Zustand des Zahnfleisches. Um Hinweise auf Erkrankungen des Zahnhalteapparates zu erhalten, sollte auch auf Entzündungsanzeichen, Zahnsteinablagerungen sowie Zahnfleischschwund geachtet werden.
Eine hilfreiche Methode zur Überprüfung der Zahngesundheit sind Test-Strips für die Praxis. Diese hätten sich laut Studien auch bewährt, um die Besitzercompliance in Bezug auf tierärztliche Behandlungsempfehlungen zu verbessern.

Keine Zahnsanierung ohne Anästhesie
Die Experten der WSAVA sind sich einig, dass eine zahnmedizinische Behandlung ohne Anästhesie nicht zielführend, tierschutzwidrig und infolge möglicher subgingivaler Entzündungsprozesse und Infektionen sehr problematisch sein kann. Solche „kosmetisch restaurierten Zähne“ verschleiern bestehende Pathologien nur und der Schmerz bleibt bestehen. Der Tierarzt kann nicht richtig arbeiten und das Tier erleidet vermeidbaren Stress und Unbehagen.

Fazit
Laut dem approbierten Zahnarzt und Tierarzt Peter Fahrenkrug setzen die Leitlinien ein klares Signal gegen die Inhalte der bestehenden Approbationsverordnungen. Der Experte wünscht sich eine Änderung der studentischen Ausbildung zugunsten klinischer Fächer. „Weniger Lebensmittellehre, mehr Klinik“, ist seine Devise. Schließlich gingen die wenigsten Veterinäre nach ihrem Studium in die Fleischbeschau oder Lebensmittelkunde. Ebenso sollten die Universitäten spezialisierte Zahnheilkundler beschäftigen und entsprechende Zahnstationen ausstatten. So etwas gebe es derzeit nur an zehn Universitäten weltweit.

Drei Fragen an Zahnexperte und Mitbegründer der Leitlinien Gottfried Morgenegg

Wie läuft die Ausarbeitung der Guidelines der WSAVA ab?
Die Erarbeitung ähnelt der Erstellung eines Buchs: Man legt Kapitel fest und verteilt sie unter den Komitee-Mitgliedern. Das Spezielle an diesen Richtlinien ist, dass sie nicht nur fachspezifisch sind, sondern auch Ernährung (Nutrition), Anästhesie und Schmerzbekämpfung (Anaesthesia and Pain Control) und Tierschutz (Animal Welfare) miteinbezogen wurden. Für die Ausarbeitung der einzelnen Kapitel wurden Arbeitsgruppen gebildet. Die große Schwierigkeit war, überall einen Konsens zu finden. Ich denke, das ist uns nicht schlecht gelungen.

Was Sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aussagen und Kapitel der Guidelines?
Die wichtigsten Punkte sind aus Sicht der Experten:

  • Nichtbehandlung von schmerzhaften Erkrankungen der Maulhöhle, wie zum Beispiel einer offenen Zahnfraktur, entspricht nicht Good Veterinay Practice (auch wenn der Hund noch frisst).
  • Nichtbehandlung von schmerzhaften Erkrankungen der Maulhöhle entspricht nicht den heutigen Standards von Animal Welfare. M. a. W. wird die Nichtbehandlung einer offenen Zahnfraktur tierschutzrelevant.
  • Zahnbehandlungen nur in Narkose.
  • Schlechte Behandlung (Maltreatment) ist gleich schlecht wie Nichtbehandlung. Kleines Detail: Im Duden steht für Maltreatment: schlechte Behandlung, Misshandlung.
  • Keine Zahnbehandlung ohne entsprechendes Schmerzmanagement.
  • Zahnextraktion ist eine chirurgische Handlung und darf nur von Tierärzten durchgeführt werden.
  • Die Universitäten werden in die Verantwortung genommen, Studenten besser auszubilden.
Ist die Zahnmedizin in der Schweiz Teil der veterinärmedizinischen Ausbildung?
Bis jetzt nur ganz rudimentär. Ich habe bei zwei Dekanen vorgesprochen, leider ohne Erfolg. Derzeit wird ein neues Curriculum verabschiedet. Ich bin da guter Hoffnung.

Gottfried Morgenegg ist promovierter Tierarzt und Mitglied der Zahnkommission des Weltdachverbandes Kleintiermedizin (WSAVA). Er praktiziert in der Schweiz: www.tierzahnarzt.ch.